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In der Praxis heißt Inklusion für Modeunternehmen unter anderem: Kollektionen entwickeln, die nicht nach traditionellen Geschlechternormen getrennt sind, sondern vielfältige Identitäten anerkennen und zugänglich machen. Genderneutrale Mode ist ein Ausdruck dieser Philosophie – sie verbindet ästhetische Innovation mit sozialer Verantwortung.
Warum Diversität im Design- und Führungsteam entscheidend ist
Studien belegen: Diversität zahlt sich aus – längst nicht nur moralisch, auch ökonomisch. Laut einer Analyse der Boston Consulting Group von 2018 erzielten Unternehmen mit überdurchschnittlich diversen Führungsteams im Schnitt 19 % höhere Innovationsumsätze als weniger diverse Firmen.1 Gleichzeitig stammen bei sehr diversen Teams 45 % des Umsatzes aus neuen Produkten der letzten drei Jahre, verglichen mit nur 26 % bei homogenen Teams. McKinsey kam 2024 zu ähnlichen Ergebnissen: In Europa hatten Unternehmen mit gemischten Führungsteams eine um bis zu 62 % höhere Wahrscheinlichkeit, überdurchschnittlich profitabel zu sein.2
Auch wenn aktuelle geopolitische und innenpolitische Spannungen zu mehr Protektionismus und veränderten Investitionsprioritäten führen können, was sich auf kulturelle Vielfalt und Budgets für Inklusionsprogramme auswirkt, bleibt für Modeunternehmen ein klarer Vorteil bestehen: Wer weiterhin ein breites Kund*innenspektrum bedienen möchte, sollte auf Diversität in Teams und Führung setzen. Vielfältige Perspektiven fördern kreativeres Design, das besser auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Kund*innen abgestimmt ist.
Inklusion beeinflusst Kaufentscheidungen
Eine aktuelle Kantar-Studie zeigt, dass 75 % der Konsument*innen bei Kaufentscheidungen darauf achten, ob Marken Inklusion und Diversität berücksichtigen.3 Vor allem jüngere Zielgruppen erwarten von Unternehmen, dass sie gender- und diversitätssensible Produkte anbieten. Die Studie unterstreicht, dass inklusives Design nicht nur ein ethischer Anspruch, sondern auch ein klarer Business Case ist: Marken, die auf diese Erwartungen reagieren, stärken Kund*innenbindung, Markenimage und Umsatzpotenzial.
Zwei Marken, ein Ansatz
Dass genderneutrales Design im Großen und Kleinen funktioniert, beweisen die zwei unterschiedlich aufgestellten Marken Neutrøise und Rossi. „Unsere Kund*innen begrüßen die Freiheit, Silhouetten jenseits klassischer Kategorien zu wählen und sehen in unserem genderneutralen Ansatz einen echten Mehrwert“, sagt Rossi CEO Tobias Schellenberger. „Auch unsere Handelspartner*innen bestätigen, dass wir eine Zielgruppe ansprechen, die bewusst nach modernen, progressiven und zugleich tragbaren Formen sucht.“ In der Lieferkette erlebe Rossi eine große Offenheit für seinen Ansatz, so Schellenberger weiter. Produktionspartner*innen verstünden die Anforderungen genderneutraler Silhouette und unterstützten den Hosenanbieter flexibel in der Umsetzung.
„Genderneutrale Mode ist ein klarer Business Case: Sie erweitert die Zielgruppe, vereinfacht Produktions- und Lagerprozesse und reagiert auf die wachsende Nachfrage nach diversitätssensiblen Produkten.“
Die Verbindung zwischen Diversität, Nachhaltigkeit und Innovation ist bei Rossi eng: Langlebige, saisonunabhängige Kollektionen reduzieren Abhängigkeiten von kurzfristigen Trends, fördern Nachhaltigkeit und steigern die Relevanz am internationalen Markt. Retail-Partner in Europa und Japan schätzen die Modernität der Silhouetten und die professionelle Zusammenarbeit.
Neutrøise Gründerin Alicia Richter setzt einen ähnlichen inklusiven Ansatz um: „Inklusion und Diversität sind wesentliche Bestandteile meines kreativen Prozesses. Viele Menschen möchten gerne ‚in der anderen Abteilung‘ shoppen, trauen sich aber aufgrund gesellschaftlicher Erwartungen nicht.“ Ihre Kollektion nutzt oversized Schnitte und flexible Verschlusslösungen, die sich an verschiedene Körperformen anpassen lassen, bei Bedarf auch individuell auf Kund*innen zugeschnitten. Deadstock-Materialien und Kleinserienfertigung ermöglichen gleichzeitig nachhaltige und hochwertige Produktion.
Natürlich gibt es auch Herausforderungen. „Die größte ist, dass genderneutrale Mode oft mit ausschließlich weiten Schnitten assoziiert wird“, sagt Schellenberger. „Wir gehen bewusst einen anderen Weg und entwickeln sowohl O-Shape- und Wide-Leg-Formen als auch schmalere Silhouetten, die dennoch Unisex funktionieren.“ Eine weitere Herausforderung bestehe darin, unterschiedliche Größen- und Passformbedürfnisse abzudecken, sagt Richter. „Daher arbeite ich fortlaufend daran, meine Designs so flexibel wie möglich zu gestalten – etwa durch variable Verschlüsse oder anpassbare Elemente.“
„Als funktionales Detail verfügt jede Hose über einen verstellbaren Innenbund, der es ermöglicht, den Fit individuell anzupassen – ganz gleich, ob die Hose lieber high-waist oder low-waist getragen wird. Diese Flexibilität ist ein zentraler Bestandteil unseres Ansatzes, genderneutrale Mode präzise und zugleich vielseitig tragbar zu gestalten.“
Für den internationalen Markt biete inklusives Design Chancen, Menschen unabhängig von Geschlecht, Körperform oder kulturellem Hintergrund anzusprechen und die Marke in verschiedenen Märkten sichtbar zu machen.
Dos und Don’ts für realen Marktwert
Inklusive Produktentwicklung ist mehr als ein moralisches Statement – sie ist ein strategisches, wirtschaftliches und innovationsgetriebenes Instrument. Marken wie Rossi und Neutrøise zeigen, dass sich technische Lösungen, Designhaltung und tiefes Marktverständnis zu Produkten verbinden lassen, die Menschen weltweit erreichen.
Für Unternehmen bedeutet das konkret: Diversität in Teams aktiv zu fördern, inklusive Standards zu definieren – etwa modulare Schnitte, flexible Maße oder adaptive Features als Teil der Techpacks – und Nutzerzentrierung konsequent zu integrieren, vor allem durch Feedback realer Personen und Märkte. Langfristige Strategien mit zeitlosen Kollektionen und nachhaltigen Materialien sichern nicht nur die Relevanz am Markt, sondern stärken auch den nachhaltigen Wert. Ebenso entscheidend ist eine klare Kommunikation: Inklusion muss im Produkt sichtbar werden, nicht nur im Marketing. Gleichzeitig gilt es, typische Stolperfallen zu vermeiden: Sonderkollektionen für einzelne Gruppen, rein optische Diversity in Werbemitteln und zu komplexe Größensysteme frustrieren Kund*innen, und Inklusion darf nie isoliert betrachtet werden – Nachhaltigkeit, Zugänglichkeit und Design gehören untrennbar zusammen. Wer diese Prinzipien beachtet, kann Produkte entwickeln, die sowohl ökonomisch erfolgreich als auch gesellschaftlich relevant sind.
1 https://www.bcg.com/publications/2018/how-diverse-leadership-teams-boost-innovation
2 https://www.mckinsey.com/de/news/presse/2024-03-06-diversity-matters-even-more
3 https://www.kantar.com/de/company-news/2024-three-quarters-of-consumers-say-inclusion-and-diversity-influence-their-purchase-decisions