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Der erste Schritt hinein in einen Raum
Material, Form und Nutzung verbinden sich zu dem, was einen Raum ausmacht. „Textile Bodenbeläge sind oft der erste physische Kontakt mit einem Raum“, sagt Piotr Misiewicz. Er ist Head of Design bei "de Winder Architekten" in Berlin und entwickelt Raumkonzepte, die Architektur als Beziehungsgefüge verstehen. Klar sei, noch bevor der Blick die Architektur vollständig erfasst, reagiert der Körper. Der Boden wird „zu einer architektonischen Ebene, die Menschen wahrnehmen, bevor sie den Raum bewusst sehen“, so Misiewicz. Diese physische Erfahrung prägt die Atmosphäre und ob ein Raum ruhig, dynamisch, repräsentativ oder entspannt wirkt.
Textile Beläge absorbieren Schall, dämpfen Bewegung und „schaffen ein Gefühl von Zugehörigkeit“. Gleichzeitig übernehmen sie eine leise, aber wirksame Führungsfunktion. Als „stilles, aber sehr effektives Navigationsinstrument“ strukturieren sie offene Flächen, markieren Übergänge und unterstützen die Orientierung. Unterschiedliche Texturen oder Muster lassen Nutzer die Logik eines Ortes intuitiv erfassen. Fast unbewusst entsteht ein Gefühl von Sicherheit.
Doch diese Wirkung entfaltet sich nie isoliert. Wer über Böden spricht, spricht immer auch über Wände und Decken. Andreas Jacob, Associate bei "brandherm + krumrey interior architecture (b-k-i)", beschäftigt sich damit, wie sich unterschiedliche Ebenen in einem Raum zu einem zusammenhängenden Erlebnis verbinden lassen. „Einen Raum kann man nicht nur über eine dieser Ebenen gestalten.“ Selbst wenn im Entwurf nur ein Teppich im Fokus stünde, formen die umgebenden Materialien, Proportionen und Lichtverhältnisse das Raumerlebnis entscheidend mit.
„Funktion und sinnliche Qualität nicht gegeneinander ausspielen, sondern beides zusammendenken.“
Wirkung entsteht immer im Kontext
„Ohne Kontext entsteht keine Wirkung“ – dieser Gedanke zieht sich durch Andreas Jacobs Ansatz, von brandherm + krumrey interior architecture. Geometrie definiert Grenzen, doch erst Materialität, Farbe und Textur verleihen Ausdruck. Planung kann und soll daher alle fünf Sinne berücksichtigen: Sehen, Hören und Tasten ebenso wie Geruch und Geschmack. Räume wirken dann überzeugend, wenn sie nicht nur visuell funktionieren, sondern eben als ganzheitliche Erfahrung.
Auch Misiewicz versteht Gestaltung als Balance aus Analyse und Intuition. „Am Anfang steht immer das Zuhören”, sagt er. Unternehmenskultur, Arbeitsweisen und strategische Ziele bestimmen, wie Akustik, Lichtreflexion, Haptik und Strapazierfähigkeit zusammenspielen. Entscheidend sei, „Funktion und sinnliche Qualität nicht gegeneinander auszuspielen, sondern beides zusammenzudenken“.
Subtile Texturen können Ruhe und Vertrauen vermitteln, dynamischere Strukturen Bewegung und Austausch fördern.
Textile Flächen spielen dabei eine zentrale Rolle. Sie verbessern Akustik, unterstützen neue Kommunikationsformen und helfen, Werte wie Nachhaltigkeit oder Identität sehr unmittelbar sichtbar und spürbar zu machen.
Am Ende entsteht ein kohärentes Raumerlebnis von der funktionalen Struktur über die sinnliche Qualität bis zur kulturellen Bedeutung dort, wo Ebenen zusammengedacht werden: unter den Füßen, entlang der Wände, über den Köpfen und im Austausch aller Beteiligten.
Titelbild: Bastei Lübbe AG, gestaltet von brandherm + krumrey, Foto: Maike Piorr