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Designer begutachtet innovative Materialmuster für die Innenarchitektur

Zirkuläres Interiordesign: Verantwortung von Anfang an

03.03.2026

Wir entwerfen „auf geliehene Zeit“ – mit dieser Haltung stellt die Designerin Kasia Mijas-Galloway Materialwahl, Planung und Zusammenarbeit radikal neu auf. Im Zentrum: Zirkularität, Transparenz und der Prozess von der Spezifikation zur De-Spezifikation.

Lesedauer: 3 Minuten

„Für mich ist klar: Wir müssen jetzt wirklich handeln.“ Der Satz fällt früh im Gespräch – und er ist mehr als ein Appell. Die Designerin Kasia Mijas-Galloway vom Berliner Interior Design Büro Matterialista beschreibt, wie sich ihr Blick auf Materialien und Räume in den vergangenen Jahren grundlegend verändert hat. Spätestens mit der eigenen Mutterschaft wurde Nachhaltigkeit für sie „ein sehr drängendes Thema“: Die Zukunft dürfe nicht schlechter aussehen als die Gegenwart.

Diese Haltung prägt ihre Projekte vom ersten Entwurf an. Zirkularität ist für sie kein Add-on im Materialkonzept, sondern integraler Bestandteil jedes Briefings – selbst dann, wenn der Auftraggeber sie nicht explizit fordert.

„Ich kann nichts mehr entwerfen, von dem ich weiß, dass es am Ende offensichtlich zu Abfall wird.“

Das bedeutet: Materialien müssen reversibel sein, biologisch abbaubar oder recycelbar. Und der Entwurf endet nicht bei der Spezifikation, sondern denkt die spätere Nutzung und Rückführung konsequent mit.

Auswahl von Recyclingmaterialproben im Probenschubfach
Materialbibliothek mit nachhaltigen Materialien und Farbmuster
Designer begutachtet innovative Materialmuster für die Innenarchitektur

De-Specification: Das Designprinzip des „Do and Undo“

Provokant und programmatisch zugleich nennt sie ihren Ansatz von der Spezifikation zur „De-Specification“. Dahinter steckt das Prinzip von „do and undo“ – also dem bewussten Mitdenken des Rückbaus bereits im Moment der Planung.

Spezifizieren heißt hier immer auch: unspezifizierbar machen können. Alles, was definiert wird, soll später wieder zerlegt, getrennt und in Kreisläufe zurückgeführt werden können.

Interessant ist dabei die ästhetische Verschiebung, die sie beobachtet. Die Branche akzeptiere zunehmend sichtbare Reparaturen und eine gewisse Imperfektion. „Wir sind heute deutlich eher bereit, Dinge zu akzeptieren, die etwas unperfekt wirken oder sichtbar repariert wurden.“ Qualität bemisst sich damit nicht länger ausschließlich an makelloser Oberfläche, sondern an Langlebigkeit und Rückbaubarkeit.

Materialgesundheit: Wissen als Engpass

Materialgesundheit und Zirkularität stehen im Zentrum ihrer Arbeit – und waren zugleich der Auslöser für die Gründung ihrer Marke „Matterialista“.

Als Designerin fehlten ihr oft entscheidende Informationen von Lieferanten und Händlern. „Wir wussten nicht einmal, welche Fragen wir überhaupt stellen sollten.“ Zeitdruck im Projektgeschäft erschwerte eine gründliche Recherche zusätzlich.

Heute vermittelt sie genau dieses Wissen: Welche Fragen müssen Designer stellen? Welche Informationen sind unverzichtbar?

Zu den zentralen Kriterien zählen:

  • Materialklarheit (Materialzusammensetzung und Inhaltsstoffe)
  • End-of-Life-Konzepte wie Rücknahmeprogramme
  • Verantwortungsübernahme durch Lieferanten
  • Transparente Prozessdarstellung entlang der Wertschöpfungskette
Ausstellung nachhaltiger Materialproben und Oberflächen

Zirkularität ist für sie keine Einbahnstraße. Auch Hersteller müssten Produkte von Beginn an kreislauffähig denken und Designer in der Specification unterstützen.

Greenwashing vermeiden: Transparenz statt Perfektion

Viele Unternehmen reklamieren Nachhaltigkeit für sich. Doch wie lässt sich echter Fortschritt von geschicktem Marketing unterscheiden?

„Zirkularität ist nicht nur eine Produktwahl, sondern auch eine Herausforderung für die Koordination“, so die Designerin. Denn Zirkularität beginnt mit Verantwortung. Für Kasia Mijas-Galloway liegt die Verantwortung auf beiden Seiten.

Kasia Mijas-Galloway

„Als Designerinnen und Designer müssen wir Verantwortung dafür übernehmen, die richtigen Fragen zu stellen. Und auf Seiten der Lieferanten muss es ebenso eine Verantwortung geben, diese Fragen transparent zu beantworten.“

Transparenz ist dabei wichtiger als Perfektion. Ein Produkt müsse nicht „super nachhaltig“ sein – entscheidend sei die Offenlegung aller relevanten Informationen. Nur so können Designer fundierte Entscheidungen treffen.

Hilfreiche Instrumente sind aus ihrer Sicht:

  • EPDs (Umwelt-Produktdeklarationen) zur strukturierten Datentransparenz
  • Cradle-to-Cradle-Zertifizierungen als Orientierung im Spezifikationsprozess

Offene Daten schaffen Entscheidungsfreiheit – und setzen Greenwashing Grenzen.

Design for Disassembly: Systeme statt Objekte

Verantwortlich demontierbare Interiors klingen idealistisch, sind aber vor allem eine technische Herausforderung. Für sie beginnt die Lösung im Denken in Systemen. 

„Als Designer sollten wir Systeme entwerfen – nicht nur einzelne Objekte.“

Bereits beim Entwurf eines Möbelstücks denkt sie an dessen spätere Zerlegbarkeit. Mechanische Verbindungen statt Verklebungen sind ein zentrales Prinzip.

Doch selbst der beste Entwurf bleibt wirkungslos, wenn er in der Ausführung ignoriert wird. Installateure und ausführende Gewerke müssen die Idee des Rückbaus verstehen und umsetzen. „Es muss ein Prozess sein, den wir alle mittragen.“

Zirkuläres Interiordesign ist damit eine kollektive Aufgabe – vom ersten Sketch über die technische Planung bis zur Nutzung und Rückführung der Materialien.

Key Facts

  • Interiors werden „auf geliehene Zeit“ entworfen – Handlungsdruck ist real.
  • Zirkularität muss im Briefing und im Designprozess verankert sein.
  • „De-Specification“ bedeutet: Spezifizieren mit Blick auf spätere Rückbaubarkeit.
  • Materialgesundheit erfordert gezielte Fragen und maximale Transparenz.
  • EPDs und Cradle-to-Cradle-Zertifikate unterstützen fundierte Entscheidungen.
  • Design for Disassembly verlangt Systemdenken und enge Zusammenarbeit aller Beteiligten.

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