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Nähe
Ein paar Schritte nach links, sagen sie hinter der Kamera. Patricia Urquiola lächelt kurz, halb amüsiert, halb konzentriert. Es ist Heimtextil 2026, der Raum ist voll, die Linse sucht Ruhe – aber diese Installation will keine Ruhe. Sie will Nähe. Und sie nimmt sie sich.
Drinnen
„among-all“ ist der zweite Akt einer Recherche, die Urquiola bereits im vergangenen Jahr begann: „among-us“ war eine Art textile Versuchsanordnung mit Schichten – ein Quadrat, in das man hineintrat, um Distanz zu spüren. Diesmal ist die Distanz abgeschafft. „You are already inside“, sagt sie. Kein Betrachten mehr, sondern ein Umgebenwerden. Textil wird nicht ausgestellt – Textil stellt aus: den Körper, seine Bewegungen, sein Zögern, sein Durchgehen.
Foto: Constantin Meyer, Köln
Dialog & Resonanz
Urquiola spricht über Design, als wäre es eine überstrapazierte Vokabel. Kontrolle über Material, Kontrolle über Form – ja, das gebe es. Aber sie will das Wort verschieben: weg vom Kontrollieren, hin zum Aushandeln. Material sei kein Befehlsempfänger, sondern ein Gegenüber. Man müsse es befragen, respektieren, manchmal spielerisch reizen. Design als kultivierte Beziehung – nicht als Machtdemonstration.
Rund zehn Objekte stehen im Raum. Alles schwingt. Eine Art „moon tent“, wie sie sagt: ein Zelt, das im Wohnzimmer wächst, ein Gebirge aus Weichheit, an dessen Flanken man entlanggeht. Im Hintergrund eine Tapisserie aus Quadraten – natural, regenerated – wie ein stilles Protokoll dessen, was hier passiert: Material erzählt Raum.
Bambi
Dann dieses Wesen. Halb Objekt, halb Charakter. Urquiola nennt es spontan „Bambi“, weil es aussieht, als sei es gerade erst geboren. Es stammt aus einer digitalen Welt, aus einer Zeichnung, aus einem Video – und landet plötzlich physisch vor uns. Seine Haut: orange, silbern, biomateriell. In der Nähe wird man selbst Teil der Geschichte: responsive Technologie, ein Hauch KI, eine Oberfläche, die zurückreagiert.
Grid & Wind
Ein digitales Raster wird real – aus Resten. Eine deutsche Firma liefert Kanten, Abschnitte, leftover fabrics. Urquiola macht daraus Fransen, Teppiche, ein System, das nicht mehr logisch sein muss. Das Raster ist nicht Ordnung, sondern Erinnerung an Ordnung. Und mittendrin: Material, das „reborn“ wird – sogar als 3D-gedruckte Struktur, nicht mehr Garn, sondern eine neue Grammatik von Faden.
Am Ende hängt etwas, das keine Gardine sein will. Nylonreste, leicht wie Luft. Urquiola sagt, Textil sei immer auch Architektur – aber eine Architektur mit Zeit. Weil sie sich bewegt. Weil sie reagiert. Weil sie nicht fertig ist.
Und genau das ist among-all: kein Raum, den man versteht. Sondern einer, der einen versteht – sobald man hineintritt.
Fotos: Constantin Meyer, Köln