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Interview

Produktion neu denken

24.02.2026

Prof. Dr. Maike Rabe leitet das Forschungsinstitut für Textil und Bekleidung der Hochschule Niederrhein (FTB). Was die Stellschrauben für eine nachhaltige Lieferkette sind und wie Europa im internationalen Vergleich rangiert, sagt sie uns im Interview.

Lesedauer: 5 Minuten

Sie sind Professorin für Textilveredlung und Ökologie an der Hochschule Niederrhein und leiten zugleich das Forschungsinstitut für Textil und Bekleidung. Können Sie erläutern, was Ihre aktuellen Lehr- und Forschungsschwerpunkte sind?

Das Forschungsinstitut wurde 2009 als Reaktion auf den Bologna-Prozess gegründet, als die deutschen Hochschulen ihre Diplomstudiengänge auf Bachelor- und Masterprogramme umstellten. Da Masterstudiengänge Studierende stärker auf Forschung und Entwicklung vorbereiten sollen, wollten wir als Hochschule für Angewandte Wissenschaften eine Struktur schaffen, die akademische Weiterqualifizierung ermöglicht. Das Institut entstand somit zunächst aus der Lehre heraus. Schon früh zeigte sich ein deutlicher Bedarf an Forschung, Entwicklung und vor allem Transfer – insbesondere im Mittelstand unserer Textilwirtschaft. Viele Unternehmen hatten bis dahin keinen Zugang zu praxisnaher Forschung, da vor allem an Universitäten Grundlagenforschung praktiziert wurde. Aus der ursprünglich lehrorientierten Idee entwickelte sich daher eine Einrichtung, die sehr stark die Bedürfnisse der Industrie adressiert. Heute arbeiten rund 60 Personen im Institut. Ein großer Vorteil: Unsere Studierenden sind fest eingebunden. Neben Textil- und Bekleidungsingenieurinnen und -ingenieuren sind Forschende der Disziplinen Chemie, Biologie, Physik sowie Marketing und Logistik bei uns tätig – eine Bereicherung für die gesamte Lehre. Studierende können Forschungs- und Abschlussarbeiten schreiben und sich bei guten Leistungen als Hilfskräfte sogar etwas dazuverdienen. Das ist eine echte Win-win-Situation.

Dr. Maike Rabe
Dr. Maike Rabe ist Professorin für Textilveredlung und Ökologie an der Hochschule Niederrhein und leitet das Forschungsinstitut für Textil und Bekleidung.

Was motiviert die Studierenden, diesen Fachbereich zu wählen?

Viele bringen ein ausgeprägtes Interesse an Mode und Textil mit – häufig verbunden mit dem Wunsch, ein eigenes Label zu gründen oder in einer ästhetisch anspruchsvollen Branche zu arbeiten. Die interessante Kombination aus Materialästhetik, Qualität, Technikwissenschaft und dazu noch sozialem Faktor spielt dabei eine große Rolle. Andere Studierende kommen aus Regionen mit starkem textilem Hintergrund und kennen die Unternehmen vor Ort. Sie interessieren sich besonders für technische Textilien und möchten innovative Produkte entwickeln – weniger für klassische Mode- und Heimtextilien.


Die Textilfabrik 7.0 hat kürzlich eine bedeutende Förderung vom Bund und dem Land Nordrhein-Westfalen erhalten. Worum geht es dabei?

Die Textilfabrik 7.0 ist ein Transferzentrum, das Forschungsergebnisse, die bisher nicht in die Industrie gelangt sind, weiterentwickeln und marktfähig machen soll. Viele gute Ideen gelangen nur bis zu wissenschaftlichen Veröffentlichungen und werden nicht umgesetzt. Unser Ziel ist es, diese Ansätze gezielt zu fördern und in konkrete Produkte und Prozesse zu überführen. Dazu möchten wir Start-ups ermutigen, das Zentrum zu nutzen, aber auch etablierte Unternehmen zu Ausgründungen motivieren. Das übergeordnete Ziel ist die Schaffung neuer Arbeitsplätze durch eine innovative, nachhaltige und gestärkte Textil- und Bekleidungswirtschaft.

Die Textilfabrik 7.0 ist ein Transferzentrum, das Forschungsergebnisse, die bisher nicht in die Industrie gelangt sind, weiterentwickeln und marktfähig machen soll.

Wo liegen die größten Herausforderungen einer nachhaltigen textilen Lieferkette?

Das zentrale Problem der Modebranche ist die Überproduktion. Würde es gelingen, diese zu reduzieren, wäre bereits sehr viel für die Nachhaltigkeit gewonnen. Doch die globalen Lieferketten, die in den vergangenen Jahrzehnten entstanden sind, begünstigen diese systematisch: Aus Sicherheitsgründen werden Mengen unverhältnismäßig bestellt, um Lieferengpässe zu vermeiden. Damit ist Überproduktion praktisch fest eingeplant. Hinzu kommt die große geografische Distanz: Viele Unternehmen haben keinen direkten Einblick in Produktionsbedingungen oder Umweltfolgen. Für Konsumentinnen und Konsumenten bleibt vieles erst recht unsichtbar. Die EU verfolgte mit dem Green Deal sehr ambitionierte Ziele – von emissionsärmerer Produktion bis zu Kreislaufwirtschaft und langlebigen Produkten. Aktuell werden einzelne Ziele abgeschwächt, um die Industrie nicht zu überfordern. Ich spreche inzwischen eher von einem "Lean Deal". Dennoch entstehen wichtige Impulse, etwa für Qualität, langlebige Produkte oder Recyclingrohstoffe. In der Textilfabrik 7.0 wollen wir unter anderem funktionierende Kreisläufe demonstrieren, an biotechnologischen Rohstoffen arbeiten und das Thema Mikroplastik adressieren. 

Ein wichtiger Baustein wird die On-Demand-Produktion sein – verknüpft mit Microfactory-Engineering, Automatisierung und KI.

Mit wendigen, regionalen oder nationalen Produktionseinheiten könnte man der Überproduktion entgegenwirken. Das ist aber in Anbetracht einer fortschreitenden Globalisierung ambitioniert.


Wie ordnen Sie die europäische Situation im internationalen Kontext ein?

Europa setzt wichtige Standards und kann über Normen global Einfluss nehmen. Doch wir sollten unsere Rolle realistisch sehen: China dominiert die textile Wertschöpfungskette, insbesondere bei Fasern, und kann so die Preise bestimmen. Europa hat seine Technologieführerschaft abgegeben und ist heute überwiegend Konsument, nicht mehr Produzent. Das bedeutet, dass viele europäische Impulse international nur begrenzt Wirkung entfalten. Gleichzeitig steigt der Druck durch asiatische Direktvertriebe. Deshalb ist es entscheidend, die europäische Produktion zu stärken und Innovationen gezielt zu fördern. Ganz besonders dort, wo Deutschland und insgesamt auch Europa immer noch stark ist, nämlich bei dem Produktsegment Technische Textilien.

tides – zwischen Natur und Technologie

tides ist eine Masterkollektion von Antonia Dannenberg, B. Sc., B.Sc. (Master Textile Products – Clothing Technologies) und thematisiert die Auswirkungen des Klimawandels auf die Ozeane. 

Auf Basis von Biophilie und Bionik verbinden die Designs innovativen 3D-Druck mit dem Upcycling ausrangierter Kites und Restmaterialien.

Avantgarde-Model in heller Strandmode mit wehendem Stoff
tides – Outfit 2, Brandung, Nippflut | Foto: Kevin Mohr
Blaue Stiefel im Meerwasser am Strand
tides – Outfit 3, Anstieg, Beginn der Flut | Foto: Kevin Mohr
Barfuß im Sand mit transparenter Designerhose
tides – Outfit 2, Brandung, Nippflut | Foto: Kevin Mohr
Zwei Models in Avantgarde-Mode in Dünen
tides – Outfit 2 & 4, Brandung, Springflut & Kraft, Flut | Foto: Kevin Mohr
Model in blauer Mode im stürmischen Meer
tides – Outfit 4, Kraft, Flut | Foto: Kevin Mohr
Model mit fließendem Schal am Strand
tides – Outfit 5, Höhepunkt, Flut | Foto: Kevin Mohr
Model mit blauer Kapuze vor schwarzem Hintergrund
tides – Outfit 6, Ende, abnormal, extreme Überschwemmung mit zerstörerischen Auswirkungen | Foto: Kevin Mohr
Porträt eines Models mit strukturierter Kapuze
tides – Outfit 2, Bruch, Nippflut | Foto: Kevin Mohr

Woran arbeiten Sie aktuell? 

Das größte Projekt ist derzeit die Textilfabrik 7.0. Parallel arbeite ich daran, Nachhaltigkeit und Nachhaltigkeitsmanagement stärker in die Lehre zu integrieren – immer in Verbindung mit technischem Grundlagenwissen. Ohne technisches Verständnis lässt sich Nachhaltigkeit nicht sinnvoll steuern. Außerdem fördern wir verstärkt Start-up-Ideen aus der Studierendenschaft. Forschungsseitig liegt mein Fokus auf chemischem Recycling und biobasierten Polymeren – also Fasern, die aus Abfällen entstehen und mittels biotechnologischer Prozesse hergestellt werden. Das sind für mich zentrale Zukunftsthemen.

Headerfoto: © Pixel & Korn

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Anna Moldenhauer

stylepark Magazin

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