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Wie ist "Off the Grid" entstanden?
Eva Benamou: Antonia und ich haben uns bei einem Austauschprogramm für StudentInnen an der ENSCI - Les Ateliers in Paris getroffen. Ich habe Produkt- und Industriedesign studiert, Antonia studierte Textildesign. Ich hatte ein Projekt im Sinn: einen Seidenschal mit Hilfe eines digitalen Werkzeugs herzustellen. Gemeinsam haben wir einen Austausch der Kultur und des Wissens über die beiden Disziplinen gestartet und das Projekt realisiert.
Antonia Gauss: Diese beiden Perspektiven zusammenzubringen, war für uns besonders, da sie in der Lehre meist getrennt sind. Dabei ist die Schnittstelle der Disziplinen spannend und die Zusammenarbeit hat uns ermöglicht, den Prozess zu vertiefen und voneinander zu lernen. Wir hatten viel Freude an der Zusammenarbeit.
„Diese beiden Perspektiven zusammenzubringen, war für uns besonders, da sie in der Lehre meist getrennt sind. Die Zusammenarbeit hat uns ermöglicht, den Prozess zu vertiefen und voneinander zu lernen.“
Wie funktioniert die Textilfärbetechnik mit einem Pen Plotter?
Antonia Gauss: Die Seidenmalerei ist eine traditionelle Handwerkskunst, die große manuelle Präzision erfordert und heute kaum noch ausgeübt wird. Der Stiftplotter kann die nötigen Feinheiten als digitales Werkzeug erfüllen – aus der Kombination ergibt sich eine neue Ebene aus Handwerk und Technologie. Die Entwicklung war experimentell: Der Stiftplotter dient eigentlich als Zeichenwerkzeug auf Papier, er wird über die x- und y- Achse gesteuert und visualisiert horizontal und vertikal Formen wie Kurven. Wir haben somit mit einfachen Strukturen auf Stoff begonnen, dann unser eigenes Färbesystem dafür entwickelt. In der traditionellen Seidenmalerei wird der Stoff in Bambusstäbe gespannt. Dies erforderte einige Experimente, da der Stoff gespannt werden muss, damit man ihn präzise bemalen kann. Inspiriert von der Konstruktion des Webstuhls haben wir ein System entwickelt, bei dem der Stoff aufgerollt und über einen Rahmen gespannt wird. Der Stoff kann dann im gespannten Zustand endlos, Rapport für Rapport, bemalt werden. In den meisten handwerklichen Färbetechniken wird Seide in einem Farbbad gefärbt, in dem der Farbstoff erhitzt und der Stoff darin eingelegt wird. Bei unserer Technik haben wir das Pigment in der Färbeflotte aufgelöst und dann abkühlen lassen, bevor wir es mit unserem Pinselsystem auf den Stoff aufgetragen haben. Ebenso haben wir mit dem Verhältnis von Flüssigkeit zu Farbe und unterschiedlichen Stoffen experimentiert. Auf Satin war das Ergebnis besonders brillant und gleichmäßig.
Eva Benamou: In diesem Zusammenhang war es wichtig die Anforderungen zu erfassen, die das Textil und das sich wiederholende Muster mit sich bringt und die Maschine entsprechend zu justieren. Dafür haben wir uns auch von der Art und Weise inspirieren lassen, wie in Japan Kimonos hergestellt werden. Im Grunde ist es ein schier endloses Stück Stoff mit einem sich wiederholenden Muster. Wir haben uns im Rahmen unserer Recherche von dem japanischen Philosophen Soetsu Yanagi inspirieren lassen, um die Bedeutung dessen zu untersuchen, was ein Muster ausmacht. Er erklärt, dass ein gutes Muster aus drei Schlüsselelementen besteht: Material, Technik und Nutzen.
Hattet ihr mit dieser Technik die Möglichkeit vorab Muster festzulegen bzw. das Ergebnis zu kontrollieren oder wird dieses im Laufe des Prozesses zufällig erzeugt?
Eva Benamou: Es ist eine Kombination aus beiden. Vorab wurden Farbe, Muster und die Linienführung definiert und in dem Zuge bis zu fünf unterschiedliche Pinsel entwickelt. Ebenso haben wir für das System etwa 30 Skizzen erstellt, um präzise zu erkunden, wo die Linien im Prozess verlaufen werden. Wir interagieren mit der Maschine, kontrollieren aber das Muster und die Pinselbewegung über die Verbindung des Plotters mit dem Computer. Die Zufälligkeit entsteht in der Verteilung der Farbmenge. Der Druck, mit dem sich der Pinsel mit dem Stiftplotter nach unten bewegt, bleibt dabei immer gleich.
Antonia Gauss: Wir wollten, dass das visuelle Ergebnis des Musters auf den Herstellungsprozess verweist und die Interaktion zwischen Hand und Maschine zeigt. Das Fließen der Farbe wird von Hand gesteuert, wodurch unregelmäßige Fließpunkte entstehen, die dem Design einen Unikat Charakter verleihen. Die Drucke erzählen auf ihre Weise die Geschichte des Druckprozesses und erinnern gleichermaßen an digitale und analoge Prozesse.
Würdet ihr sagen, die von euch entwickelte Technologie wäre auf einen industriellen Maßstab übertragbar?
Eva Benamou: Ja, durchaus. Die Maschine ist aktuell auf die Stoffgröße von 40 Zentimetern eingestellt, wie bei der Herstellung von Stoffbahnen für einen Kimono. Die x- und y-Achse kann aber auch verlängert werden. Aktuell ist "Off the Grid" ein Experiment und bietet die Option eine Stoffbahn kontinuierlich zu bedrucken. Technisch gesehen ist da aber noch viel Spielraum möglich.
Antonia Gauss: Ich bin mir sicher, dass es möglich wäre, den Prozess in einem größeren Maßstab herzustellen, da der Plotter eine CNC-Maschine ist, die sehr einfach zu bauen ist.
Können Sie mir etwas zu der Zusammensetzung der Farben sagen?
Antonia Gauss: Wir haben pigmentbasierte Säurefarbstoffe verwendet, die für Proteinfasern wie Seide oder Wolle verwendet werden. Nach dem Färben haben wir die Textilien in einem Dampfrohr fixiert, so kann der Farbstoff in die Faser einziehen und bleibt brilliant.
Inwiefern war die Nachhaltigkeit für euch dabei ein Thema?
Eva Benamou: Das Projekt war in zwei Abschnitte gegliedert: Ein experimenteller Teil und ein theoretischer. Es ist wichtig, dass wir als Designerinnen verstehen, was wir machen und warum. Eine unserer Inspirationen war das Manifest über Textilien von Li Edelkoort. Es geht nicht nur darum nachhaltige Materialien zu verwenden, sondern auch jungen VerbraucherInnen und DesignerInnen eine Achtsamkeit für die Geschichte und Bedeutung von Textilien zu vermitteln.
Antonia Gauss: Die Textilindustrie befindet sich in einer schwierigen Phase, da die Nachfrage nach billiger Produktion und günstigen Preisen hoch ist. Umso mehr sollten wir zurück zu den Wurzeln des Handwerks blicken, auf einen wertigen Prozess, der bedacht und präzise geschieht und diesen mit aktuellen Technologien in unsere Gegenwart übertragen. Die Verantwortung liegt auch bei den KundInnen, sich dessen bewusst zu werden, was sie kaufen. Es geht uns darum, ein Bewusstsein und eine Wertschätzung für die Textilien zu fördern, zu hinterfragen wie diese hergestellt werden.
„Es geht nicht nur darum nachhaltige Materialien zu verwenden, sondern auch jungen VerbraucherInnen und DesignerInnen eine Achtsamkeit für die Geschichte und Bedeutung von Textilien zu vermitteln.“
In welchem Bereich der Gestaltung möchtet ihr euch in den nächsten Jahren arbeiten?
Eva Benamou: Diese Frage beschäftigt noch immer. Es gibt viele weitere Fragen, die mich interessieren und die eng mit dem Einfluss zusammenhängen, den Produkte auf unsere Gesellschaft haben. Ich arbeite aktuell als Designerin für das Design Studio Naoto Fukasawa. Ich bin dankbar für die Möglichkeit, zu erforschen und ein tieferes Verständnis dafür zu entwickeln, wie selbst kleinste Details in Objekten unser tägliches Leben beeinflussen und gestalten.
Antonia Gauss: Ich habe vor kurzem ein Praktikum im Textilunternehmen Jakob Schlaepfer in der Schweiz begonnen. Als Designerin mit Begeisterung für Textiltechnik gilt mein persönliches Interesse den Textilmaschinen, der Verbindung zwischen Gestaltung und technischer Umsetzung sowie der Balance zwischen beiden.
