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Tapetenmanufaktur

Farbe für Farbe

01.10.2026

Eine Siebdruckmaschine von 1952, echtes Papier und bis zu 75 Druckdurchgänge: Bei Hembus entstehen Tapeten nicht als Massenware, sondern als handwerklich gefertigte Oberflächen für außergewöhnliche Räume und individuelle Interieurs.

Lesedauer: 6 Minuten

Wer heute an Tapeten denkt, hat meist industriell gefertigte Produkte vor Augen: digital oder im Rotationsdruck hergestellt, maßhaltig, kurzfristig lieferbar und in großen Stückzahlen verfügbar. Hembus verfolgt bewusst einen anderen Ansatz. In einer historischen Hofreite in Groß-Bieberau entsteht jede Tapete im traditionellen Siebdruck – Farbe für Farbe auf echtem Papier. Gerade diese Fertigungsweise prägt den Charakter der Oberflächen. Jede Farbe wird einzeln aufgetragen und bildet eine eigene Schicht. So entstehen Tiefe, Haptik und eine Materialwirkung, die sich mit industriellen Druckverfahren kaum erreichen lassen.

Blaues Schlafzimmer mit klassisch gemusterter Tapete
Foto: Grand Hotel Les Trois Rois, River Junior Suite Balcony
Rotes Schlafzimmer mit historisch gemusterter Tapete
Foto: Grand Hotel Les Trois Rois, River King Room Balcony

Ein Material, das mitarbeitet

Papier ist bei Hembus nicht bloß Träger des Dekors. Es bestimmt den gesamten Prozess. Es quillt, schwindet und verändert sein Maß abhängig von Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Jede Charge verhält sich etwas anders. Exakte Wiederholbarkeit, wie sie in der industriellen Fertigung selbstverständlich ist, ist damit kaum möglich. Aber genau diese Eigenheiten verleihen der fertigen Tapete ihren Charakter. Die Bahnen wirken nicht wie eine vollkommen glatte, reproduzierte Fläche. Sie zeigen, dass tatsächlich Farbe aufgetragen wurde. Je nach Gestaltung kann die Oberfläche matt oder glänzend, dünn oder plastisch, metallisch oder sogar beflockt ausgeführt werden. 

Geeignete Papierqualitäten zu beschaffen, ist allerdings nicht ganz einfach. Zum einen gibt es kaum noch Hersteller, die die erforderliche Qualität liefern können, und zum anderen liegen die benötigten Mengen unter den üblichen Produktionsgrößen der Papierindustrie. Monatelang suchte das Unternehmen nach einem passenden Material und fand schließlich einen Hersteller, der in der Lage war, die erforderliche Qualität zu liefern. „Auch wenn uns die Abnahmemenge sicherlich die nächsten zehn Jahre ausreicht“, so Held mit einem Augenzwinkern.

Vom Wechsel auf Vlies hält der Firmenchef dennoch nichts. Papier lasse sich über Rundungen ziehen, an unebene Untergründe anpassen und trage zu einer Atmosphäre bei, die sich nur schwer in technischen Werten erfassen lasse.

Handzeichnung eines historischen Musters für Tapeten
Foto: Jo Henker

Das Herz schlägt seit 1952

Im Mittelpunkt der Produktion steht eine Siebdruckmaschine aus dem Jahr 1952. „Julius“ wurde nach Überlieferung der Manufaktur von Willy Messerschmitt für die Rekonstruktion von Tapeten des im Krieg zerstörten Frankfurter Goethe-Hauses entwickelt. Ein zweites Exemplar existiert noch in einem Münchner Museumsarchiv. In Groß-Bieberau dagegen läuft die Maschine weiterhin. „Julius ist das Zentrum, um das sich bei uns alles dreht“, sagt Held. Die Maschine wurde für individuelle Kleinserien entwickelt und ermöglicht es Farbauftrag, Schichtstärke und Druckwirkung an historische Vorlagen anzupassen.

Bis zu 75 Durchläufe können für eine besonders aufwendige Tapete erforderlich sein. Nach jedem Druck wird die Bahn von Hand umgespult und erneut durch die Maschine geführt. Manche Produktionen dauern Monate. 

Bedruckte Tapete läuft durch Produktionsmaschine
Foto: Jo Henker
Siebdruckrahmen mit floralem Muster und Farbe
Foto: Jo Henker
Siebdruckrahmen mit filigranem floralem Motiv
Foto: Jo Henker

Vieles an „Julius“ lässt sich nicht einfach ersetzen. Für eine neue Vakuumwalze bohrte ein Mitarbeiter mehrere Tausend Löcher von Hand in ein Stahlrohr, weil kein Maschinenbauer das benötigte Teil liefern konnte. Auch die Feinjustierung folgt robusten Regeln: Das meistgenutzte Werkzeug sei der Hammer, erzählt Held schmunzelnd. Entscheidend seien Erfahrung und ein Gefühl für die Maschine. 

Vom Fragment zur neuen Tapete

Die Wurzeln von Hembus reichen bis 1894 zurück. Seit 2023 gehört die Tapetenmanufaktur zu Steuernagel & Lampert, einem traditionsreichen Handwerksbetrieb mit Schwerpunkt auf Denkmalpflege, Restaurierung und hochwertigen Oberflächen. Mit der Übernahme wechselten nicht nur Marke und Maschine den Eigentümer. Innerhalb weniger Monate mussten rund 12,8 Tonnen Tapetenbestände, Hunderte Siebe, Maschinenteile, Dias und historische Fragmente gesichert, dokumentiert und verlagert werden. Noch heute wird das umfangreiche Archiv systematisch gesichtet und katalogisiert. Eine Mitarbeiterin widmet sich ausschließlich dieser Aufgabe. 

Jörg Held
Jörg Held, Foto: Hembus

Für Held war dies keine gewöhnliche Firmenübernahme. Es ging auch darum, ein selten gewordenes Handwerk und ein über Generationen aufgebautes Wissen zu bewahren. „Tradition bedeutet nicht, etwas einzufrieren, sondern es so weiterzuführen, dass es auch morgen noch Bedeutung hat“, beschreibt er seinen Anspruch. 

Das Archiv umfasst mehr als 800 historische und zeitgenössische Muster. Hinzu kommen Originalfragmente, teilweise die einzigen erhaltenen Zeugnisse früherer Wandgestaltungen. Darunter finden sich bislang nie rekonstruierte Vorlagen und asiatische Scherenschnitte, die möglicherweise bis ins 17. Jahrhundert zurückreichen.

Beginnt eine Rekonstruktion, geht es deshalb zunächst auf Spurensuche: Welche Fragmente, Fotografien oder alten Rollen existieren? Wie groß war der Rapport? Welche Farben, welches Papier und welche Drucktechnik wurden verwendet? Danach entstehen Reinzeichnung und Farbauslegung von Hand. Die Formen werden mit Pinsel und Tusche auf Film übertragen, die Siebe belichtet, Andrucke erstellt und die Farben abgestimmt. 

Ziel ist keine oberflächliche Kopie. Historische Formen besitzen einen eigenen Duktus. Ein mit einem geschnitzten Model gedruckter Strich endet anders als eine digital konstruierte Linie. Das dafür nötige Wissen aus Restaurierung, Kirchenmalerei, Kunstgeschichte und Materialkunde entsteht nicht kurzfristig, sondern ist über Jahrzehnte gewachsen. 

Tradition als Ausgangspunkt

Historische Rekonstruktionen bleiben ein wichtiger Teil der Arbeit. Doch die Zukunft der Tapete liegt nicht allein in der Wiederholung des Vergangenen. Das Archiv dient ebenso als Ausgangspunkt für neue Farbstellungen, Künstlereditionen und individuelle Entwürfe.

Innenraum mit floraler Tapete und Holzboden
Foto: Ingmar Kurth

Wie stark Farbe die Wirkung eines Musters verändern kann, zeigt ein Projekt für eine Wohnung an der New Yorker Park Avenue. Ein ursprünglich in Senf-, Beige- und Brauntönen gehaltenes Weinrankenmotiv wurde auf Wunsch eines Architekturbüros von der Fifth Avenue in helle Blautöne übersetzt. Das Muster blieb, doch der Charakter der Tapete und damit des gesamten Raumes veränderte sich grundlegend. 

Zunehmend suchen Designerinnen und Designer sowie Innenarchitektinnen und Innenarchitekten gezielt nach solchen Möglichkeiten, berichtet Held. Statt aus einem fertigen Katalog auszuwählen, wollen sie eine bestimmte räumliche Atmosphäre erzielen. Im Siebdruck lassen sich Farben individuell mischen, vorhandene Muster neu interpretieren und eigene Entwürfe in Kleinserie umsetzen.

„Für mich gibt es nichts Spannenderes, als wenn jemand sagt: Ich hätte gern etwas, das es noch nicht gibt“, sagt Held. Die Erfahrung aus der Restaurierung helfe, Ideen anderer präzise zu übersetzen: Nicht der persönliche Geschmack des Ausführenden stehe im Mittelpunkt, sondern die beabsichtigte Wirkung des Entwurfs. 

Zwischen Archiv und Markt

Während der klassische Tapetenmarkt seit Jahren unter Druck steht, folgt Hembus eigenen Regeln. „Wir sind keine Fabrik, wir sind eine Manufaktur“, bringt es Geschäftsführer Jörg Held auf den Punkt. 

„Wir denken nicht in saisonalen Kollektionen oder kurzen Lieferzeiten, sondern in individuellen Projekten. Beratung und handwerkliche Präzision stehen für uns im Mittelpunkt.“

Eine Bestellung setzt Beratung voraus, häufig gefolgt von Andrucken und einer sogenannten Fahne, anhand derer Kunden Farbigkeit, Glanz und Erscheinungsbild beurteilen können. „Unser Anspruch ist, etwas Außergewöhnliches zu schaffen, mit dem sich die Menschen identifizieren“, sagt Held. 

Zu den Auftraggebern zählen Museen, Schlösser, Hotels und Filmstudios ebenso wie Restauratorinnen und Restauratoren, Innenarchitektinnen und Innenarchitektinnen, Designerinnen und Designer sowie und private Bauherrinnen und Bauherrn. Wobei nicht immer die komplette Wand gestaltet wird. Immer häufiger dienen einzelne Bahnen als Akzent, betonen Nischen oder werden wie Kunstwerke gerahmt. So wird die Tapete selbst zum Gestaltungselement – und nicht nur zum Wandbelag.

Auf der Heimtextil im Januar zeigte sich das Interesse an handwerklich gefertigten Oberflächen. Zahlreiche Designer suchten dort den Kontakt zur Manufaktur. Gleichzeitig wurde deutlich, wie schwer sich ein solches Produkt in klassische Vertriebsstrukturen einfügt, resümiert Held. Händler erwarten kalkulierbare Lieferzeiten – der Siebdruck auf Papier folgt seinem eigenen Rhythmus.

Tapete mit Vogelmotiv während der Produktion
Foto: Ingmar Kurth
Tapetenrolle mit historischem Dekormuster im Sonnenlicht
Foto: Ingmar Kurth

Eine Frage der Haltung

Gerade darin liegt die Besonderheit von Hembus. Die Manufaktur bewahrt historische Techniken nicht um ihrer selbst willen, sondern entwickelt sie weiter. Historische Muster werden rekonstruiert, neu interpretiert und an heutige Raumkonzepte angepasst. Dabei bleibt die Handschrift des Handwerks sichtbar: Keine Bahn gleicht der anderen bis ins letzte Detail. Was industriell als Fehler gelten würde, verleiht dem Produkt seinen Charakter. „Gutes Design ist und bleibt gutes Design – egal, wann es entstanden ist“, sagt Held. Neue Muster nur um der Neuheit willen hält er für den falschen Weg. Entscheidend seien Proportionen, Farbigkeit und eine Gestaltung, die auch nach Jahren nichts von ihrer Wirkung verliere.

Diese Haltung soll auch die Zukunft prägen. Der traditionelle Siebdruck auf Papier, die Rekonstruktion historischer Vorlagen und die individuelle Farbgestaltung bleiben das Fundament. Gleichzeitig möchte Held Hembus behutsam weiterentwickeln – mit neuen Kollektionen, Künstlerprojekten sowie einer engeren Zusammenarbeit mit Architekten und Designern. Auch im hochwertigen Interior-Bereich und international soll die Manufaktur wieder stärker sichtbar werden. 

„Wir wollen Hembus weiterentwickeln, aber nicht verwässern.“

Gerade darin könnte auch eine Perspektive für die Tapete liegen. In einem Markt, in dem Motive schnell austauschbar geworden sind, gewinnen Authentizität, handwerkliche Qualität und nachvollziehbare Materialien wieder an Bedeutung. Vielleicht ist genau das ihre größte Stärke: nicht jedem Trend hinterherzulaufen, sondern Räume mit Charakter zu schaffen, die Bestand haben.


Titelbild: Foto von Ingmar Kurth

Bianca Schmidt

Bianca Schmidt

Freie Journalistin

Bianca Schmidt war zehn Jahre Herausgeberin des Magazins InteriorFashion. Seit April 2026 arbeitet sie unter anderem als freie Journalistin im Bereich Interior Design.

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