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Bunte Teppichreste als Ausgangsmaterial für Recycling

RecyTube Projekt

Möbel aus Textilresten

09.06.2026

Im November 2023 startete Rohleder gemeinsam mit dem Institut für Materialwissenschaften an der Hochschule Hof das Projekt RecyTube. Aus den textilen Abfällen der Weberei sollte ein Möbelstück entstehen. Drei Jahre und viele Entwicklungsschleifen später steht das Projekt vor seinem erfolgreichen Abschluss.

Lesedauer: 5 Minuten

Als Leni Rohleder vor fünf Jahren als Head of Sustainability in den Familienbetrieb, die Weberei Rohleder mit Sitz im oberfränkischen Konradsreuth, einstieg, war für sie eines klar: „Ich wollte nicht einfach die Tochter des Inhabers sein“. Stattdessen suchte sie nach einem Thema, das sie eigenständig verantworten und gleichzeitig nutzen konnte, um das Unternehmen, die Prozesse und die Menschen dahinter kennenzulernen. Die Entscheidung fiel schnell auf das Thema Nachhaltigkeit – auch weil ihr das Thema persönlich am Herzen liegt.

Melanie Peter und Leni Rohleder
Gemeinsam für mehr Nachhaltigkeit: Textildesignerin Melanie Peter (l.) und Leni Rohleder, Head of Sustainability bei Rohleder. Fotos: Rohleder

„Reduce, Reuse, Recycle – das war für mich der logische Ausgangspunkt“, erzählt sie. In der Textildesignerin Melanie Peter, die seit 25 Jahren Stoffe bei Rohleder entwickelt, fand sie eine begeisterte Mitstreiterin. Gemeinsam begannen sie, die Materialströme im Unternehmen genauer zu analysieren. Schnell wurde deutlich: Der größte Abfallstrom des Unternehmens besteht aus textilen Resten – insbesondere aus den sogenannten Webleisten, die beim Webprozess technisch unvermeidbar entstehen.

Bislang wurden diese Materialien zwar recycelt, allerdings nur im Downcycling, etwa zu Malervlies oder Dämmstoffen. Gleichzeitig verschärfte sich die Situation während der Corona-Zeit. Teile der bisherigen Verwertung brachen weg, einige Reststoffe mussten plötzlich thermisch verwertet werden – teuer und aus Nachhaltigkeitssicht alles andere als zufriedenstellend. „Uns war klar, dass dies nicht die Lösung sein kann“, erinnert sich Melanie Peter. „Wir wollten zeigen, dass aus diesen Resten etwas Hochwertiges entstehen kann.“

Zerkleinerte Teppichfasern für textile Kreislaufwirtschaft
Technisch bedingt entstehen beim Weben die sog. Webleisten (links). Die Webleisten werden bei Rohleder gesammelt und in einer Reißerei mechanisch aufgelöst (rechts).

Der entscheidende Impuls kam schließlich über das Institut für Materialwissenschaften (IFM) der Hochschule Hof in Münchberg, das über eine Rundvernadelungsmaschine verfügt. Eine Technologie, mit der sich textile Vliese zu stabilen Röhrenstrukturen in unterschiedlichen Durchmessern, sogenannten Dorngrößen, verfestigen lassen. Sofort entstand die Idee, daraus Möbelobjekte zu entwickeln. Gemeinsam mit dem IFM entstand das Forschungsprojekt RecyTube. Für Leni Rohleder und Melanie Peter war dies Neuland: Förderanträge, Materialtests, Entwicklungszyklen – vieles musste erst gelernt werden. Gleichzeitig stieß das Projekt intern auf große Unterstützung. Kolleginnen und Kollegen halfen beim Sammeln und Sortieren von Restmaterialien, suchten alte Stoffbestände heraus oder passten Abläufe an. „Das war eigentlich das Schönste“, erzählt Melanie Peter. „Dass so viele gesagt haben: Das ist cool, da machen wir mit.“

Technisch begann der Prozess mit dem Sammeln der Webleisten. Diese wurden in einer Reißerei mechanisch aufgelöst, bis aus den Stoffresten wieder einzelne Fasern entstanden. Genau hier zeigte sich jedoch die Komplexität des Recyclings: Werden die Garne zu wenig bearbeitet, bleiben zu viele Garnreste erhalten. Werden sie zu stark gerissen, werden die Fasern zu kurz und verlieren ihre Stabilität. „Man sucht ständig den Sweet Spot“, erklärt Leni Rohleder. „Wie stark darf das Material bearbeitet werden, dass es sich gut zu einem Vlies verarbeiten lässt, aber trotzdem stabil bleibt?“ An dieser Stelle entschied man sich für das Zusetzen eines kleinen Anteils schwarzer Frischfasern, um die notwendige Stabilität für ein belastbares Möbelstück zu erreichen. Das verbesserte nicht nur die Festigkeit, sondern verlieh dem Material auch eine hochwertige anthrazitfarbene Optik – weit entfernt vom typischen „Malervlies-Look“.

Recycelte Fasern werden industriell weiterverarbeitet
Auf diese Weise entstehen neue Fasern, die – ergänzt um eine kleine Menge schwarzer Frischfasern – bei BWF Protect zu einem Vlies weiterverarbeitet werden.

Im nächsten Schritt wurden die Vliesstreifen auf der Rundvernadelungsmaschine zu festen Röhren verarbeitet. Dabei verdichten Tausende Nadeln die Fasern so lange, bis eine stabile Struktur entsteht. Herausgekommen ist ein überraschend robustes Rundrohr mit einer Dorngröße von 40 cm, aus dem schließlich ein erster Hocker sowie eine Bank entstanden ist. Das Ergebnis ist alles andere als selbstverständlich: „Es hätte auch sein können, dass bei allen Bemühungen kein Möbelstück herauskommt. Das ist einfach Teil der Forschung“, zeigt sich Leni Rohleder mehr als glücklich.

Unterstützung bei Konstruktion und Möbelbau kam von der Möbelmanufaktur Signet aus dem oberfränkischen Hochstadt am Main. „Mit Signet arbeiten wir seit vielen Jahren eng zusammen und Geschäftsführer Thomas Schlosser zeigte sich gleich offen für das Projekt“, erinnert sich Leni Rohleder. Gemeinsam entwickelte das Team Lösungen für Deckel, Unterkonstruktionen und Verbindungselemente. Dabei wurde deutlich, dass nachhaltiges Design weit über das Recyclingmaterial hinausgeht. „Wenn man wirklich konsequent nachhaltig denken will, darf man eben nicht einfach alles verkleben oder mit Schaumstoff arbeiten“, sagt Melanie Peter. „Das Produkt muss am Ende auch wieder in seine Einzelteile zerlegbar und in den Kreislauf rückführbar sein.“

RecyTube-Elemente aus recyceltem Textilmaterial
In einem letzten Produktionsschritt werden geschnittene Streifen aus dem Vlies zu einem Rohr vernadelt.

Gerade diese Denkweise sei eine der größten Herausforderungen der Transformation. Viele klassische Prozesse im Möbelbau seien auf maximale Stabilität und Komfort ausgelegt – nicht auf Kreislauffähigkeit. RecyTube versucht deshalb, beide Welten zusammenzubringen: Design, Funktion und Nachhaltigkeit.

Dass das Projekt inzwischen Aufmerksamkeit weit über die Region hinaus erzeugt, zeigt sich an zahlreichen Präsentationen und Kooperationen. RecyTube war 2024 und 2025 bei den Coburger Designtagen vertreten – und wird auch in diesem Jahr wieder mit von der Partie sein. Auch die Präsentation auf der Techtextil in Frankfurt sowie ein Vortrag bei einer Veranstaltung von Bayern Innovativ brachten entsprechend Aufmerksamkeit.

Designmöbel aus recycelten Textilfasern
Zwei dieser Rohre bilden schließlich die Basis für eine Bank, die in Zusammenarbeit mit der Möbelmanufaktur Signet entstanden ist.

Industriepartner wie die BWF Group als Spezialist für technische Nadelfilze und rundgenadelte Spezialprodukte begleiten das Projekt bereits mit Blick auf mögliche industrielle Anwendungen. Denn die Frage lautet längst nicht mehr nur, ob sich aus Textilabfällen ein Hocker herstellen lässt. Spannend wird vielmehr, welche weiteren Anwendungen denkbar sind: Könnten die Vliese künftig Schaumstoff ersetzen? Lassen sich daraus sogar neue Garne herstellen? „Das wäre dann wirklich ein Closed-Loop-System, bei dem wir echtes Fiber-to-Fiber-Recycling machen könnten“, so Leni Rohleder, die sich auch ganz offen für Folgeprojekte zeigt. Oder lässt sich das Projekt auch auf andere Textilsektoren übertragen?

Und welche Erkenntnisse konnten konkret für das Unternehmen Rohleder gewonnen werden? Hier sind sich Leni Rohleder und Melanie Peter einig: „Wir profitieren in jedem Fall von einem großen Wissenstransfer im Hinblick auf Nachhaltigkeit. Zudem konnten wir unser Netzwerk deutlich erweitern.“ Und nicht zuletzt wurden die eigenen Produktionsprozesse durchleuchtet und an der einen oder anderen Stelle angepasst, um Abfälle weiter zu reduzieren.

Für Leni Rohleder und Melanie Peter ist klar: Nachhaltigkeit ist kein kurzfristiger Trend, sondern ein langfristiger Veränderungsprozess. Auch wenn wirtschaftlicher Druck und steigende Kosten das Thema aktuell oft in den Hintergrund drängen. „Man merkt schon, dass viele Unternehmen gerade erst einmal ums Überleben kämpfen“, sagt Leni Rohleder. „Aber genau deshalb muss man jetzt weiterdenken und Erfahrungen sammeln. Wenn die Anforderungen steigen, ist man auf diese Weise vorbereitet.“

RecyTube zeigt eindrucksvoll, wie viel Innovationspotenzial in vermeintlichen Abfällen steckt – und dass textile Kreislaufwirtschaft nur funktioniert, wenn Forschung, Industrie und Design gemeinsam neue Wege gehen.

Bianca Schmidt

Bianca Schmidt

Freie Journalistin

Bianca Schmidt war zehn Jahre Herausgeberin des Magazins InteriorFashion. Seit April 2026 arbeitet sie unter anderem als freie Journalistin im Bereich Interior Design.

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