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Panorama von Chemnitz mit TU-Gebäuden bei Sonnenuntergang

Europäische Textilhochburg – Teil 2

Wie Chemnitz sein textiles Erbe in die Zukunft trägt

26.03.2026

Chemnitz steht seit Jahrhunderten für textilen Erfindergeist – und zeigt auch heute, dass textile Innovation kein Relikt, sondern gelebte Gegenwart ist.

Lesedauer: 7 Minuten

Deutschlands ältester Textillehrstuhl, textile Fahrradspeichen und Kranseile sowie der älteste noch aktive Rundstrickmaschinenhersteller der Welt beweisen: Die Textilkompetenz der Stadt wirkt weit über ihre industrielle Vergangenheit hinaus. Zusätzliche internationale Aufmerksamkeit erhielt Chemnitz kürzlich als Kulturhauptstadt Europas 2025.

TU Chemnitz: Zwei Lehrstühle, ein textiles Erbe

Das Kulturhauptstadtjahr endete im November 2025 mit einer großen Abschlussfeier, zu der rund 36.000 Menschen kamen. Viele fragen sich jetzt: Was bleibt vom Kulturhauptstadtjahr? Neben den rund zwei Millionen Gästen aus nah und fern offenbar ein neues Bewusstsein für die ehemalige Industriemetropole: So fragte etwa das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“, ob Chemnitz die „am meisten unterschätzte Großstadt Deutschlands“ sei1. Der öffentlich-rechtliche Sender MDR stellte bei einer Auswertung internationaler Berichte fest, dass vor allem der Beiname „Sächsisches Manchester“ Eindruck machte – ein Verweis auf die jahrhundertelange Textiltradition der Stadt.2

Technische Universität Chemnitz am Campus in der Reichenhainer Straße
Die Technische Universität Chemnitz am Campus in der Reichenhainer Straße. (Foto: Jacob Müller)

Diese Tradition lebt auch an der Technischen Universität Chemnitz weiter. Mit mehr als 8.400 Studierenden aus 94 Ländern ist sie eine der internationalsten Universitäten Deutschlands. Vor allem die Fakultät für Maschinenbau ist eng mit der lokalen Textilgeschichte verwoben. Bereits bei ihrer Gründung als Königliche Gewerbschule im Jahr 1836, aus der die TU Chemnitz hervorging, war Maschinenbau Teil der Ausbildung. Kein Wunder: Im Zentrum des deutschen Textilmaschinenbaus wurden Ingenieure gebraucht, die die Web-, Strick- und Spinnmaschinen konstruierten, die von Chemnitz aus in die Welt gingen. Heute sind es vor allem zwei Lehrstühle an der TU, die das textile Erbe fortführen.

„Chemnitz ist die Textilhauptstadt Europas“

Mit der Professur Textile Technologien ist hier der älteste Textillehrstuhl Deutschlands angesiedelt. Seine Wurzeln reichen bis ins frühe 19. Jahrhunderts zurück. Zwar wurde der Lehrstuhl 1996 geschlossen, aber 2014 unter der Leitung von Prof. Holger Cebulla wiederbelebt. Mit Blick auf die Unterbrechung sagt Cebulla: „Nach der Wiedervereinigung brach die Textilindustrie in Ostdeutschland innerhalb weniger Monate drastisch ein.“ Die Schließung des Lehrstuhls war eine direkte Folge. Die Wiederbelebung erfolgte im Rahmen eines Struktur- und Innovationsprogramms. „Wir haben hier zu zweit angefangen, heute sind wir 30“, so Cebulla. Die internationale Aufmerksamkeit, die Chemnitz im Kulturhauptstadtjahr erhalten hat, freut ihn: „Wir wohnen hier ja schließlich nicht in irgendeiner Stadt, sondern in der Textilhauptstadt Europas!“

Am Lehrstuhl selbst ist Internationalität Alltag: Die Studierenden und Textilforschenden kommen aus Ländern wie China, Indien, Äthiopien, Syrien oder aus der Ukraine. Sie forschen an klassischer Bekleidung, Hochleistungstextilien aus Carbon und an der Nutzbarmachung von Naturfasern wie Hanf für Windkraftanlagen. Ein „Open Wool Lab“ zur Kreislaufwirtschaft soll lokale Wertschöpfungsketten vom Rohstoff bis zum Kleidungsstück aufbauen, vor allem für Schafwolle. Mit dem „Textil Trainer“3 wurde auch eine Antwort auf den wachsenden Fachkräftemangel in der Textilindustrie entwickelt. Die von der EU geförderte digitale Lernplattform bietet kostenlose Onlinekurse zu textilem Grundlagen- und Spezialwissen für die Aus- und Weiterbildung an. Ursprünglich zur Fachkräftesicherung in der sächsischen Textilindustrie entwickelt, wird das Online-Portal inzwischen im gesamten DACH-Raum von Tausenden genutzt. „Das große Interesse hat selbst uns überrascht“, so Cebulla.

Forschende prüfen Carbonfaser-Bauteil im Labor
Jakob Schmidt (l.) und Marc Fleischmann, Wissenschaftliche Mitarbeiter an der Professur Textile Technologien der TU Chemnitz, überprüfen auf dem Drehtisch einer Spezialanlage die Qualität der Preform eines Splitboards. (Quelle: TU Chemnitz)

Vom Labor in die Welt: Die textile Start-up-Schmiede

Textile Praxisnähe spielt auch an der Professur für Förder- und Materialflusstechnik eine wichtige Rolle. Hier wird unter anderem an den Grundlagen moderner Hochleistungsfaserseile sowie textiler Zug- und Tragmittel geforscht, mit dem Ziel, leichte und flexible Alternativen zu klassischen Werkstoffen wie Stahl zu entwickeln. Die Forschung erfolgt meist in enger Kooperation mit Industriepartnern aus aller Welt. Am Lehrstuhl wird die regionale Textilgeschichte aber nicht nur wissenschaftlich fortgeschrieben, sondern auch in konkrete Geschäftsmodelle übersetzt: In den vergangenen Jahren entstanden so zahlreiche Ausgründungen, die das Erbe des sächsischen Textilmaschinenbaus in neuer Form fortführen.

„Chemnitz mag die großen Namen des historischen Textilmaschinenbaus verloren haben, aber der textile Erfindergeist ist geblieben“, sagt Dr. Christoph Müller, Forschungsgruppenleiter an der Professur. Zwei Beispiele für diesen textilen Erfindergeist sind die Ausgründungen Pi Rope und Trowis, die beide Teil der Kulturhauptstadtausstellung „Textil? Zukunft! 2025“ im Industriemuseum Chemnitz waren.

Terrot-Rundstrickmaschine im Werk Chemnitz
160 Jahre textiler Erfindergeist: Terrot-Rundstrickmaschine im Werk Chemnitz. (Quelle: Terrot)

Terrot: Wo Chemnitzer Maschinenbautradition weiterlebt

Auch der traditionsreiche Textilmaschinenbau ist in Chemnitz nach wie vor lebendig. Ein Beispiel dafür ist Terrot Textilmaschinen, der weltweit älteste noch aktive Hersteller von Großrundstrickmaschinen. Ursprünglich 1862 in Bad Cannstatt in Baden-Württemberg gegründet, ist Chemnitz seit den 1990er-Jahren Entwicklungs- und Produktionsstandort des Unternehmens. Nach der Wiedervereinigung übernahm Terrot hier mit der lokalen Strickmaschinenbau GmbH Chemnitz, die aus dem VEB Strickmaschinenbau/Kombinat Textima hervorging, das textile Erbe gleich dreier traditionsreicher lokaler Textilmaschinenbauer: der Wirkmaschinenfabrik G. Hilscher (gegründet 1851 in Chemnitz), der Strickmaschinenfabrik Seyfert & Donner (gegründet 1875 in Chemnitz und einst Deutschlands größte ihrer Art) sowie C.A. Roscher aus Mittweida (ab 1890 Spezialist für Rundstrickmaschinen). 

Techniker arbeitet an industrieller Rundstrickmaschine in Textilproduktion
Von Chemnitz aus gehen die Terrot-Rundstrickmaschinen an 400 Kunden weltweit. (Quelle: Wolfgang Schmidt)

Heute erwirtschaftet Terrot mit rund 100 Beschäftigten und 400 aktiven Kunden weltweit einen Jahresumsatz von etwa 33 Millionen Euro (Stand 2024). Auf Terrot-Maschinen entstehen Trikots für den Profisport, Fashion, Freizeit- und Bademode ebenso wie technische Textilien für die Automobilindustrie und Medizintechnik sowie Heimtextilien wie Matratzenbezüge. Auch nach der Übernahme durch das chinesisch-italienische Unternehmen Santoni Shanghai Ende 2023 bleibt Chemnitz für Terrot zentraler Standort – hier sitzen etwa Konstruktion, Entwicklung, Produktion, Endabnahme und Forschung. „Wir halten bewusst an Chemnitz fest, weil wir unsere Heimat und die Region wertschätzen, weil hier Fachkompetenz existiert und weil wir überzeugt sind, dass deutscher Textilmaschinenbau global weiterhin gefragt ist“, sagt Terrot-Geschäftsführer Martin Vorsatz. Das Kulturhauptstadtjahr habe der Region die Chance gegeben, ihre industrielle Identität neu zu interpretieren und international zu zeigen, dass moderne Textiltechnologie „made in Chemnitz“ nach wie vor als Synonym für textile Ingenieurskunst gelte, die weltweit Standards setze, so Vorsatz. „Genau darin liegt für uns der Anknüpfungspunkt für die textile Zukunft der Region.“

Wie Chemnitz zur Textilhochburg wurde – mehr dazu in Teil 1

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