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Tschüss, Fossile! Wie Textilunternehmen von der Transformation profitieren

27.10.2026

Biobasierte Textillösungen wurden lange vor allem unter Umweltaspekten betrachtet. Inzwischen kommen neue Aspekte dazu. Angesichts der aktuellen Weltlage sind Unternehmen zunehmend bestrebt, sich resilienter aufzustellen und sich von unsicheren Lieferketten und erdölbasierten Lösungen unabhängiger zu machen. Ein guter Zeitpunkt, denn viele biobasierte Alternativen sind inzwischen nicht nur ausgereift, sie bieten mitunter sogar unerwartetes Geschäftspotenzial.

Der weltweite Hunger nach Textilien scheint unstillbar: Laut dem im September 2026 veröffentlichten „Materials Market Report 2026“ von Textile Exchange erreichte die weltweite Faserproduktion im Jahr 2025 einen Rekordwert von 139 Millionen Tonnen (2024: 132 Millionen Tonnen). Treibend wirkt die Produktion von fossilen Neufasern, die noch immer rund 60 Prozent ausmacht.[1] Dennoch ändert sich etwas im Bewusstsein – und zwar sowohl in den technischen Anwendungen als auch in der Mode. 

Schick, funktional und eine Alternative zu fossilen Neufasern: BOSS-Sportbekleidung aus dem neuen NovaPoly™-Garn, präsentiert von Tennis-Star Taylor Fritz bei den BOSS Open 2026. © BOSS

Dr. Terry P. Townsend, Statistiker bei der Discover Natural Fibres Initiative (DNFI), schätzt die Produktion von biobasierten Zellulosefasern auf rund acht Millionen Tonnen. Im Vergleich zu den fossilen Neufasern wirkt diese Zahl vielleicht noch wenig beeindruckend, dennoch erkennt der Experte einen spannenden Trend: „Synthetische Zellulosefasern verzeichnen einen Anstieg des Investitionskapitals, da Unternehmen nach Alternativen suchen, die nicht mit den ökologischen Einschränkungen der Naturfaserproduktion verbunden sind.“ So läge ein Vorteil in den biobasierten Kunstfasern darin, dass die Rohstoffe schneller nachwachsen als große Naturfasern wie Baumwolle, Wolle oder Jute – was dann wichtig wird, wenn die Erzeugnisse industriell skalierbar werden sollen.

Biobasierte Markenfasern wie Tencel von Lenzing finden sich zunehmend in der Mode. © Lenzing AG/Anouk Nitsche
Zu den bekanntesten biobasierten Textilfasern zählen regenerierte Cellulosefasern wie Viskose (auch als Rayon bekannt), Modal und Lyocell. TENCEL™ ist eine Marke für Lyocell- und Modalfasern von Lenzing. Im Bild: Bettwäsche aus Tencel. © Lenzing AG/Iris Humm

Skalierbarkeit – das Geschäftspotenzial der Bioökonomie?

Auch die Lenzing AG, einer der weltweit führenden Hersteller holzbasierter Cellulosefasern, verzeichnet eine spürbare Verschiebung der Beweggründe, sich mit fossilen Alternativen zu beschäftigen: Nachhaltigkeit bleibe zwar ein wichtiges Thema, gleichzeitig rückten Aspekte wie Versorgungssicherheit, resiliente Wertschöpfungsketten und die Verringerung der Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen – speziell bei Vliesstoff- und Filteranwendungen – stärker in den Vordergrund. Bei Lenzing ist man davon überzeugt, dass Unternehmen ihre Resilienz stärken können, indem sie die Transformation aktiv antreiben und auf Lösungen setzen, die langfristig tragfähig und skalierbar sind. Dass – und wie – dies funktionieren kann, stellte Lenzing in diesem Jahr mit der neuen kunststofffreien DualWipe-Innovation unter Beweis. Die Lösung soll es Unternehmen ermöglichen, den Einsatz fossiler Materialien zu reduzieren und gleichzeitig ihre Wertschöpfung zukunftsfähig aufzustellen. In solchen Ansätzen liegt laut Lenzing ein wesentliches Geschäftspotenzial der Bioökonomie.

So sieht biobasierte Skalierbarkeit aus: Blick in das Ballenlager der Viscose-Produktion am Standort Lenzing. © Lenzing AG/Christian Leopold

40 Prozent Zuwachs - weil „bio“ plötzlich billiger wird

Ähnliche Tendenzen verzeichnet auch Torsten Zöller, Sales Manager New Business & MRG bei Cordenka, einem der weltweit führenden Hersteller hochwertiger industrieller Rayonfasern. Im Fokus stehen hier derzeit biologisch abbaubare Gartenbauschnüre aus technischer Viskose. Die Lösung wurde bereits vor vier Jahren vorgestellt, jetzt zieht die Nachfrage deutlich an. „Die Saison ist in vollem Gange. Im Vergleich zum Vorjahr erwarten wir gute 30, wenn nicht sogar 40 Prozent Zuwachs“, führt Torsten Zöller aus. Die Anfragen kommen vor allem aus Europa, wo verschärfte Umweltauflagen die Unternehmen zum Umdenken zwingen, aber auch aus Märkten wie Argentinien, Chile, China, Finnland, Israel oder Kanada.

Kaum sichtbar, aber eine echter „Hack“: Gewächshäuser können mit den teureren kompostierbaren Gartenbauschnüren inzwischen viel Geld sparen. © Cordenka
Hilke Patzwall
Wünscht sich mehr innovationsfördernde und verlässliche Rahmenbedingungen für die Entwicklung alternativer Textillösungen: Hilke Patzwall, Leiterin Nachhaltigkeitsmanagement bei VAUDE. © VAUDE

Für die Entwicklung neuer Lösungen arbeitet die Marke erfolgreich mit Partnern wie UPM Next Generation Renewables zusammen: Im Juli 2026 wurde das gemeinsame Projekt – die weltweit erste Fleecejacke aus holzbasiertem Polyester – mit dem Ernst-Pelz-Preis ausgezeichnet. Für VAUDE ein Hinweis darauf, dass erneuerbare Rohstoffe zur Verbindung von Klimaschutz, Zirkularität und industrieller Skalierbarkeit beitragen können Nichtsdestotrotz sieht man große Herausforderungen: „VAUDE möchte dazu beitragen, Alternativen zu fossilen Rohstoffen voranzubringen. Von Seiten der Industrie benötigen wir dazu jedoch innovationsfördernde und verlässliche Rahmenbedingungen: klare politische Signale für den zügigen weiteren Ausbau der erneuerbaren Energieversorgung und Marktanreize, damit eine echte Kreislaufwirtschaft für Funktionstextilien endlich marktreif wird“, sagt Hilke Patzwall.

Marktwert: eine Billion Dollar – Tendenz steigend

Von der technischen Anwendung bis zur Mode passiert also etwas in der textilen Welt. In Anbetracht der weltweiten Entwicklung erscheint dies auch notwendig: 2025 entfielen 86 Millionen Tonnen der weltweiten Faserproduktion auf Polyester. Hierbei lag der Anteil an fossilen Neu-Polyester bei 88 Prozent. Für recyceltes Polyester (9,7 Millionen Tonnen) wurden zu 97 Prozent Plastikflaschen eingesetzt, während Textil-zu-Textil-Recyclingfasern von 0.61 Prozent (2021) auf gerade einmal 0,76 Prozent kletterten. Die Emanzipation von fossilen Grundstoffen ist also noch ein langer Weg. Aber es gibt auch Lichtblicke: Synthetische Zellulosefasern machen in der Gesamtproduktion immerhin schon sieben Prozent aus.[4]

Tendenz steigend? Ja, sagt Dr. Terry P. Townsend. Der Gesamtwert aller biobasierten Textilien liegt nach seinen Berechnungen bei rund 70 Milliarden US-Dollar. Werden die Produkte aus biobasierten Fasern zu Garn versponnen, zu Stoff gewebt oder gestrickt, gefärbt und veredelt und anschließend zu Bekleidung oder Heimtextilien zugeschnitten und genäht, haben sie auf Einzelhandelsebene einen Wert von weit über einer Billion US-Dollar.

Unendliches Wachstum sieht der Experte allerdings nicht. „Ich habe Prognosen gesehen, die von einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von bis zu acht Prozent über ein Jahrzehnt hinweg ausgehen, wodurch sich der Markt auf das Doppelte seiner derzeitigen Größe vergrößern würde. Solche Prognosen sind größtenteils Marketing-Hype. Eine wahrscheinlichere Prognose ist, dass der Wert biobasierter Textilien auf landwirtschaftlicher und industrieller Ebene in den nächsten zehn Jahren auf etwa 85 Milliarden US-Dollar ansteigen wird.“ Aufmerksamkeitsstarke Leuchtturmprojekte und erfolgreiche Hidden Champions wie die oben erwähnten, treiben diese Entwicklung. 

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