Kenias Mode zwischen Sourcing-Boom und struktureller Aufholjagd
15.09.2026
Kenia hat sich zum wachsenden Hub für Textil- und Lederproduktion entwickelt und exportiert heute bereits jährlich Apparel-Produkte im Wert von 500 Millionen US-Dollar. Carole Kinoti, Unternehmerin in der kenianischen nachhaltigen Modebranche und Fashion Advisor des Commonwealth Business Women's Network, spricht im Interview darüber, was es braucht, damit sich lokale Akteur*innen im internationalen Marktumfeld etablieren können.
Frau Kinoti, wie würden Sie die aktuelle Marktlage für die kenianische Modeindustrie beschreiben und was übersehen internationale Beobachter*innen der Branche häufig?
Das hängt stark davon ab, wonach sie suchen. In der Regel interessieren sie sich für beschaffbare Produkte, das Potenzial von Designer*innen und deren Fähigkeit, zu skalieren. Sie betrachten die Qualität der Stoffe und die Frage, ob die Designer*innen aktuelle Trends verstehen.
Ich glaube jedoch, dass internationale Beobachter*innen häufig zu schnell Entscheidungen treffen und Potenzial anhand einer einzigen Modenschau beurteilen. Eine solche Show betrachtet nur die Oberfläche. Sie müssten tiefer einsteigen, sich mehr Zeit nehmen und etwas mehr analysieren, um wirklich tragfähige Lösungen zu finden.
Was die aktuelle Situation der kenianischen Modeindustrie betrifft: Die Branche ist sehr kleinteilig und wenig organisiert. Es lassen sich zwei deutlich unterschiedliche Gruppen erkennen: Die etablierten Designer*innen arbeiten seit vielen Jahren mit klassischen Geschäftsmodellen wie Maßanfertigung, Couture und lokalen Einzelhandelsgeschäften und haben dadurch nur begrenzte Skalierungsmöglichkeiten. Gen-Z- und junge Designer*innen setzen auf charakteristische Produkte, Social Media und die Bedürfnisse ihrer eigenen Generation. Dadurch sind sie flexibel, marktnah und haben ein deutlich höheres Wachstumspotenzial.
Perlenarbeiten der FOTR Emankeki Frauen.
Perlenarmbänder in den Farben der Bendera (kenianische Flagge) colors, einer der Artikel, die im Empowerment Set enthalten sind.
Perlenarbeit der FOTR Emankeki Frauen.
Nachhaltige Mode bedeutet für uns nicht einfach, aus welchem Material ein Produkt hergestellt wird.
Über FOTR Africa verbinden Sie Handwerk, Frauengenossenschaften und kommerzielle Mode zu einem Ökosystem. Was bedeutet nachhaltige Mode in Ihrer täglichen Arbeit tatsächlich – jenseits dessen, wie der Begriff international häufig verwendet wird?
Nachhaltige Mode bedeutet für uns nicht einfach, aus welchem Material ein Produkt hergestellt wird. Entscheidend ist vielmehr, ob wir die geschaffene Wertschöpfung von der Gemeinschaft und dem Rohmaterial über Produktion und Weiterverarbeitung bis hin zum Endkunden nachvollziehen können. Und ob wir messen können, welche Wirkung diese Wertschöpfung auf ihrem Weg entfaltet hat.
Wir können beispielsweise messen, wie viele Frauen an unternehmerischen Aktivitäten teilnehmen, welche Sparleistungen generiert werden, welche Kompetenzen entwickelt wurden, wie viele Tierhäute und Felle die Wertschöpfungskette durchlaufen, welche Produkte entstehen und wie viele Frauen Gesundheits- und Vorsorge-Angebote nutzen.
Der Produktionsprozess muss also entlang der gesamten Wertschöpfungskette – vom Anfang bis zum Endkunden – eine nachvollziehbare Wirkung entfalten.
In der Praxis verbinden wir kommerzielle Produktion mit finanzieller Inklusion, Gesundheit und sozialer Wirkung. Die FOTR Emankeki Women’s Group zeigt diesen Ansatz beispielhaft: Perlenhandwerk und Lederverarbeitung werden mit Sparmodellen, Weiterbildung und Gesundheitsangeboten verknüpft (siehe Infobox). So entstehen neben den Produkten vor allem auch neue Kompetenzen, Einkommen und langfristige Perspektiven innerhalb der Gemeinschaft.
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Als Fashion Advisor des Commonwealth Business Women's Network sind Sie Teil einer Initiative, den Handel innerhalb des Commonwealth von 768 Milliarden US-Dollar auf 2 Billionen US-Dollar zu steigern. Welche Rolle spielen Mode und insbesondere afrikanische Mode in dieser ambitionierten Zielsetzung? Und wie würde aus Ihrer Sicht ein sinnvoller Fortschritt aussehen?
Um in großvolumigen Handel hineinzupassen, müssen wir unsere Perspektive verändern und Mode als Warengeschäft betrachten, in dem Produkte in großen Mengen bewegt werden.
Innerhalb Afrikas verfügen wir trotz zahlreicher Hürden über enorme regionale Stärken. Betrachtet man beispielsweise, wo Viehzucht konzentriert ist, zeigt sich unmittelbar ein großes Potenzial für die Gewinnung von Leder, Häuten und Fellen. Aus der Verarbeitung von Häuten und Fellen kann eine breite Palette an Modeprodukten entstehen. Auf Gemeindeebene können Frauengenossenschaften diesem Leder anschließend durch Web- oder Perlentechniken einen einzigartigen kulturellen Mehrwert verleihen.
Pilotgemeinde der FOTR Emankeki Frauengruppe, Kajiado.
Die Stärkung der Modeindustrie muss an den Wert der Rohstoffe geknüpft werden. Verbinden wir Mode mit der Viehwirtschaft, kann dieselbe Gemeinschaft, die Fleisch oder Tiere verkauft, durch Perlenarbeiten zusätzliche Wertschöpfung aus den Nebenprodukten (Häute und Felle) generieren. Da diese Perlenarbeiten von Frauen ausgeführt werden, stärkt dies unmittelbar das Vermögen und Einkommen der Familien.
Dieses rohstoffgebundene Modemodell lässt sich auf mehrere Sektoren übertragen:
Bergbau: Edelsteine und Schmucksteine werden durch Veredelung zu Schmuckprodukten.
Baumwolle: Gemeinschaften, die Baumwolle anbauen und verkaufen, schaffen durch die Weiterverarbeitung zu Modeprodukten zusätzliche Wertschöpfung, stärken damit die Gemeinschaft und fördern das Wachstum der Branche.
Da handwerklich gefertigte Modeprodukte zudem häufig als Geschenke in den Konsummärkten landen, haben wir die #GiftsWithPurpose Kampagne ins Leben gerufen. Damit erzählen wir die Geschichte der produzierenden Gemeinschaft und können gleichzeitig Ressourcen messbar in die Gemeinschaft zurückführen. Etwa durch die Unterstützung von Gesundheitsinitiativen und den Aufbau einer Spar- und Vorsorgekultur zur finanziellen Absicherung.
Titelbild: Die FOTR-Frauengruppe „Emankeki“, Kajiado – FOTR-Pilotgemeinde
Lisa Wagner arbeitet seit über 20 Jahren in der Modebranche, sowohl auf Industrie-, Agentur- und Redaktionsseite und mehr als die Hälfte davon im nachhaltigen Segment. Zuletzt war sie als Head of Brand Communication beim europäischen Marktführer für ökologisch und sozial fair produzierte Textilien tätig. Seit 2020 arbeitet sie als freie Journalistin und Kommunikationsberaterin in der Nähe von Frankfurt am Main. Wirtschaft, Ökologie und die Interessen unterschiedlicher Stakeholder zu versöhnen, liegt ihr dabei am Herzen. Foto: Nina Paul