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Es herrscht Aufbruchstimmung. “Wir werden zum Mond und zum Mars fliegen! Und dafür benötigen wir Hochleistungstextilien, deren Performances weit über die hinausgehen, die wir bisher auf der Erde kennen! Wir rufen daher die Unternehmen der Branche auf, sich bei uns zu melden und mit uns zu neuen Sphären aufzubrechen.” Bei ihrem Fachvortrag auf der Techtextil 2026 ließen die beiden NASA-Expertinnen Jane Gensler und Wendy Gao1 keine Zweifel: Die NASA treibt die bemannte Raumfahrt an - und zählt dafür auf die geballte Innovationskraft der Textilbranche.
Die Herausforderungen sind groß und vielfältig. So soll zukünftig verstärkt mit „High-Oxygen“-Umgebungen gearbeitet werden, um im All Sauerstoff effizienter einzusetzen. Angedacht sind Anreicherungen von bis zu 40%. Bisher sind schwer entflammbare Textilien für eine Konzentration von 21% bis höchstens 30% ausgelegt. Da ist also noch Luft nach oben. Auch sollen die Raumanzüge fitter gemacht werden. Die Außenlage der Apollo-Anzüge wies schon nach 22 Stunden schwere Schäden auf. Zukünftige Modelle müssen wohl wesentlich ausdauernder sein. Und auch Resilienz gegen Hitze und Kälte ist ein Thema: Die Temperaturspanne auf dem Mond reicht von rund -225 °C im Schatten bis zu +120 °C in der Sonne. Die neuen High-performance-Textilien für Mensch und Maschine sollen sowohl diese große Spanne als auch die schnellen Wechsel meistern.
Lohnt sich der Aufwand?
Es gibt also viel tun. Aber lohnt sich der Aufwand auch wirtschaftlich? Ja, findet Michael Decius. Der Anwendungsingenieur bei TEC-KNIT spricht aus Erfahrung: „Der Weltraum ist zwar ein überschaubarer Markt, aber wer Lösungen hat, die sich im All bewähren, genießt auch Reputation auf der Erde. Das gilt vor allem, wenn man fähig ist, industriereif in hohen Stückzahlen zu produzieren.“
TEC-KNIT stellt unter anderem anspruchsvolle Metallgewirke her, die als Oberfläche für große, entfaltbare Reflektorantennen dienen und im Orbit eingehende und ausgehende Signale vom Sender bzw. zum Empfänger reflektieren. Sein Team hat diese besonderen Gewirke für die Vorbereitung des autonomen Fahrens nutzbar gemacht. In aktuellen Automodellen wird durch einen Sensor gemessen, ob die Hände am Lenkrad sind. Das feine Metallgewirk von TEC-KNIT dient seit 2018 als Zwischenlage und Abschirmung gegen störende Signale von Lenkradkern und Heizung.
Trends und Temperaturen
Verschiedene Entwicklungen spielen ihm in die Hände. So gewinnen etwa im Zuge des Klimawandels isolierende und wärmeregulierende Technologien zunehmend an Bedeutung – vor allem dann, wenn die körperliche Belastung steigt und Temperaturkomfort vom „Nice to have“ zum relevanten Faktor für Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit wird. Auch deswegen arbeitet Outlast an einer neuen Lösung namens Aersulate®. Hierbei geht es um die Einbringung der isolierenden Eigenschaften von Aerogel in textile Anwendungen. Das ist technologisch herausfordernd, eröffnet aber neue Möglichkeiten für sehr dünne, leichte und leistungsfähige Isolierung – etwa in Bekleidung oder Schutzanwendungen. Besonders spannend ist der Einsatz dort, wo klassische Isolationsmaterialien an Grenzen stoßen, etwa bei begrenztem Platz sowie unter Einfluss von Druck oder Feuchtigkeit.
Gefragte Hidden Champions
Aber wieder zurück ins All: Damals wie heute profilieren sich Spezialisten, die bereits „fliegende“ Lösungen vorweisen können. Denn Ideen und Innovationen für die Raumfahrt gibt es viele. Aber nicht alle schaffen es, abzuheben. Die der TEC-KNIT CCTT GmbH schon. Das deutsche Unternehmen entwickelt und produziert fortschrittliche Gewirke für die Weltraumtechnik. Seit 2007 umrunden von TEC-KNIT ausgestattete Satelliten die Erde.
Hidden Champions wie TEC-KNIT werden gerne bei neuen Weltraumprojekten hinzugezogen. Dies war einer der Gründe, warum die beiden NASA-Expertinnen auf der Techtextil aktiv auf das Unternehmen zukamen. „Das Gespräch war spannend: offen und sondierend. Für die geplanten Projekte werden viele Lösungen gebraucht, die über die existierenden hinaus gehen. Daher ist man bereit, Neues zu probieren – benötigt aber gleichzeitig Partner mit Erfahrung“, berichtet Decius, Anwendungsingenieur bei TEC-KNIT.
Globale Herausforderungen, neue Märkte
Aber nicht nur neue Technologien und NASA-Projekte bringen Bewegung in die Branche, im Hintergrund entfalten auch geopolitische Veränderungen ihre Wirkung. So steht TEC-KNIT aktuell mit der ESA und europäischen Forschungspartnern in engem Kontakt. „Es geht gerade viel darum, sich unabhängiger und resilienter aufzustellen. Dafür sollen auch die Lieferketten wieder stärker an Europa gebunden werden. Es dreht sich also nicht nur um Kompetenz, sondern ganz klar auch um Produktionskapazitäten“, sagt der Experte. Ob er in diesem Zuge auch wieder erfolgversprechende Produkte für die Erde erwartet? Er ist sich sicher: „Mit neuen Herausforderungen und Technologien entstehen auch neue Bedarfe – wie etwa durch die Sensortechnik im Auto, wodurch plötzlich verstärkt abschirmende elastische Textilien gebraucht wurden. Aber die Entwicklung geht weiter und wir arbeiten permanent daran, unsere technischen Textilien für zusätzliche Anwendungsfelder nutzbar zu machen. Ich denke, wir stehen heute vor vielen großen Aufgaben – im All und auf der Erde. Nicht alles ist vorhersehbar, aber mit genug Erfindergeist meist doch lösbar.“
1 Jane Gensler, Crew Health & Performance Domain Lead, Mars Campaign Office, NASA Headquarters, and Wendy Gao, Textile Material Lead, Crew and Thermal Systems Division, NASA Johnson Space Center.
Titelbild: Outlast