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Mode vom Mars

Wenn das Unvorstellbare zur Realität wird

Der Mensch will seit jeher nach den Sternen greifen und kaum ein erzählerisches Genre ist so beliebt wie jenes, das einen Blick in das Weltall wagt. Dabei sprengen die Gefühle auseinander wie ein Meteoritenhagel. Mal überwiegt der Thrill des Unvorstellbaren und mal die Furcht vor dem Unbekannten und die Ahnung, gegenüber dem Universum irgendwie bedeutungslos zu sein. Das Weltall, unendliche Weiten. Die Erde, Millionen von Jahre existiert sie schon. Die Menschheit? Auf dieser Skala nicht einmal einen Strich wert. Andererseits wachsen wir technologisch über uns hinaus und sind dennoch scheinbar unfähig, unsere Lebensgrundlage zu erhalten: die Natur. Auch dies ist ein Grund, warum es uns in andere Lebensräume zieht – als Zukunftsträger.

Es erinnert an ein Gedicht von Carl Spitzweg, in dem der deutsche Maler schon vor 200 Jahren spöttelte, dass des Menschen Wesen zerstörerisch ist und „erst wenn alles klein zerstückt und nichts mehr zu verderben“ er sich schicksalsergeben den „Scherben“ widmet. Dieses Scherbenspiel könnte hier für die Ambitionen der Nachhaltigkeitsbewegung stehen, welche eine dystopische Zukunft zu verhindern versucht, ein Szenario, wie man es aus der Science Fiction kennt. Die Ressourcen sind erschöpft, die Luft verpestet, das Nutzwasser knapp, die Menschheit im Zwist, Machtgier regiert die Welt und ihr Wechsel bleibt das Geld. Auf der anderen Seite steht das Fortschreiten der Aufklärung und der Demokratie, progressive Technologien, die unter anderem Gleichdenkende international zusammenführt und stärkt.

Kurz: Wir nähern uns dem Moment, da das Wissen die Imagination einholt, die reale Technik verrückter scheint als ihre Fiktion und die Sterne immer näherkommen. Was nach Science Fiction aussieht, ist es heute nicht mehr. Wir sehen Tom Hanks im luftleeren Raum treiben und wägen uns im Kinosessel in Sicherheit. Nur, dass der Film „Gravity“ aus dem Jahr 2013 auf real existierende Grundlagen zurückgreift und nicht auf Fantasie. Erst vergangenes Jahr haben bei einem gemeinsamen Projekt der Universität Hawaii und der US-Weltraumbehörde Nasa eine Gruppe von Forschern in einer abgeschlossenen Station ein Jahr getestet, wie man das Leben auf dem Mars gestalten kann. Mark Watney alias Matt Damon hat das in „Der Marsianer“ ebenfalls eindrucksvoll veranschaulicht. Beengt wäre es und sehr langsam. Von seiner Beschaffenheit und den klimatischen Verhältnissen ist der rote Planet der Erde ähnlich, allerdings auf eine sehr unwirtliche Art. Ohne Atmosphäre ist die Sonne lebensbedrohlich. Wasser existiert kaum in flüssiger Form. Die Temperaturunterschiede variieren über den Tag massiv, was zu einem hohen Windaufkommen führt, bis hin zu Stürmen, die über die öde Kraterlandschaft fegen.

Nutzen wir also dieses Momentum des Kahlschlags, dieses Szenario, welches sich, auch wenn es quasi vor der Tür steht, dennoch eher nach Kinosessel anfühlt und so auszuhalten ist. Denken wir doch mal darüber nach, welche existierenden Technologien es möglich machen würden, auf dem Mars textile Produkte herzustellen. Durch Wind und Sonne hätten wir Energie im Überschwang, jedoch mangelt es an zwei Ressourcen, die für die Textilproduktion aktuell ausgesprochen wichtig sind: Erde und Wasser.

Die Recyclingfähigkeit von Rohstoffen wäre also unabdingbar, geschlossene Kreisläufe Voraussetzung. Wir würden nur noch besonders robuste Pflanzenarten einsetzen, die wenig Wasser benötigen, womöglich Hanf. Die Synthetikfaser würde an Relevanz deutlich gewinnen und die Pflanzenfaser überholen. Denn sie kann sehr gut und kontrollierbar im geschlossenen Kreislauf hergestellt werden. Und sie ließe sich immer wieder verwenden, auch nach dem Verbrauch durch den Konsumenten. Zero waste - Verlust gleich null. Überhaupt ist sie ein regelrechter Alleskönner. Sie kann Strom leiten, leuchten, heizen, senden und empfangen. Sie ist federleicht und höchst strapazierfähig, schmutzabweisend, schwer entflammbar und enorm reißfest. Auch wegen ihrer Bescheidenheit in der Herstellung, etwa hinsichtlich ihres Wasserverbrauchs, würde die Synthetikfaser auf dem Mars punkten. Ohnehin würde nur noch „on-demand“, also auf Abruf produziert werden. Wie, zeigte die „Digital Textile Micro Factory“ auf der internationalen Leitmesse Heimtextil – eine Fertigungskette vom Design bis zum Endprodukt, welche vollkommen digitalisiert und automatisiert ist.

Die Haltbarkeit wird in den Vordergrund rücken, denn ohne Ressourcen wird das Wirtschaftsmodell basierend auf Überproduktion, Verschwendung und zwingendem Wachstum nicht aufrecht zu erhalten sein. Somit wären Themen wie geplante Obsoleszenz – also die kalkulierte Lebensdauer von Gegenständen – obsolet und diese würde sich deutlich verlängern: ganz neue Anforderungen an das Design. Jedoch wehe dem, der denkt, Trend verendet gemeinsam mit der Massenproduktion. Denn Studien zeigen, dass des Menschen Lust nach Neuem, die so genannte Neophilie, auch durch die widrigsten äußeren Umstände nicht geringer wird. Ebenso wenig das Bedürfnis nach Schönem und Sinnlichem, sei es Kunst oder Unterhaltung. Die Rolle der Bekleidung im sozialen Miteinander, etwa durch Abgrenzung oder Anpassung, wäre ungebrochen. Aber ihre Form müsste neu gedacht werden. Und hier würde ein neuer Designbegriff entstehen, der diese sozialen Aspekte mit dem Gebot der Haltbarkeit zusammenbringen würde.

Wichtiger noch wäre aber die Trennung der Würde des Menschen von seiner Leistung. Denn während heute sozialer Status, Intellekt und schlussendlich die Zufriedenheit des Menschen stark am beruflichen Erfolg gemessen werden. Während Arbeitsamkeit, Fleiß und Ehrgeiz maßgebliche Tugenden sind, werden wir auf dem Mars schlimmstenfalls damit beschäftigt sein, die Zeit totzuschlagen. Denn wir produzieren nur noch ein Bruchteil der Waren und das fast vollautomatisiert. Die Mehrheit der Menschen wäre arbeitslos. Oder anders formuliert: Sie müsste nicht arbeiten. Dies halten im Übrigen heute schon einige Querdenker für den Status quo und fordern die Trennung der Existenzsicherung von der Leistung, etwa durch das bedingungslose Grundeinkommen.  Die Gemeinwohlökonomie geht noch weiter und fügt der klassischen Wirtschaftstheorie neue Kennzahlen hinzu, die das Wohl des Einzelnen und die Verantwortung für mittelbare Effekte des unternehmerischen Handelns in den Fokus stellen. Etwa durch die Internalisierung externer Kosten, also dem Einrechnen von Kosten, die nicht unmittelbar – etwa durch die Herstellung eines Produkts – entstehen, aber damit im direkten Zusammenhang stehen, beispielsweise die Verschmutzung des Grundwassers. Auf dem Mars würde man darüber wahrscheinlich nicht mal mehr diskutieren. Unvorstellbar? Das ist nur eine Vorstufe von undenkbar. Und der folgt in der Regel der Beweis des Gegenteils.

Was im Weltraum nicht nur denkbar, sondern bereits anwendbar ist – das wird vom 9. bis 12. Mai 2017 in Frankfurt auf der Techtextil und Texprocess zu sehen sein. Unter dem Titel „Living in Space“ präsentieren die beiden internationalen Leitmessen für Technische Textilien und Vliesstoffe und für die Verarbeitung textiler und flexibler Materialien auf einem Sonderareal unter anderem Hightech-Textilien und textile Verarbeitungstechnologien aus und für die Raumfahrt. Das Leitthema ist in Zusammenarbeit mit der Europäischen Raumfahrtagentur und dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt entstanden.

www.techtextil.messefrankfurt.com
www.texprocess.messefrankfurt.com