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Perspektiven: Recycling von Kunststoffen

Closing the loop

Sie sind elastisch, reiß- und scheuerfest und nehmen kaum Feuchtigkeit auf: Chemiefasern aus synthetischen Polymeren sind gefragter denn je. Die Einsatzgebiete sind vielfältig und reichen von der Modeindustrie bis hin zur Automobilbranche. Doch der Rohstoff Erdöl ist begrenzt. Die Industrie arbeitet mit Nachdruck an Alternativen.

Die Nachfrage nach Fasern befindet sich weltweit in einem so steten Wachstum, dass nur Chemiefasern Schritt halten können. In den vergangenen Jahrzehnten ist die Produktion von synthetischen Fasern kontinuierlich gestiegen. Die Deckung des Textilbedarfes der Weltbevölkerung ist ohne Chemiefasern undenkbar - im vergangenen Jahr machten sie einen Anteil von 75% an der Weltfaserproduktion aus.[1]  Zudem lag die globale Produktion an synthetischen Chemiefasern bei 64,9 Millionen Tonnen, während auf Chemiefasern aus pflanzlicher Cellulose gerade einmal 6,7 Millionen Tonnen entfielen.[2]  Die Form- und Reißbeständigkeit bei gleichzeitiger Elastizität machen die Fasern beispielsweise für atmungsaktive Textilien im Freizeit- und Outdoorbereich unerlässlich. Auch in der Automobilbranche und für Heimtextilien sind technische Stoffe von Nöten, die wasserabweisend und robust sind.

Doch es gibt ein grundsätzliches Problem: Die Basis synthetischer Chemiefasern ist Erdöl, eine erschöpfliche Ressource. Der fossile Rohstoff ist nicht erneuerbar, sodass in den kommenden Jahrzehnten Prognosen der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe zufolge die weiterhin steigende Nachfrage nicht mehr gedeckt werden kann.[3]  Die Industrie muss alternative Produktionsmöglichkeiten finden, um den Bedarf langfristig zu decken. Auch unter umweltpolitischen Gesichtspunkten wird dies immer notwendiger, denn trotz der Ressourcenknappheit werden nach Angaben des Umwelt-Bundesamts nur knapp 30% der Kunststoffe recycelt. Zum Großteil werden sie zur Energiegewinnung verbrannt oder deponiert. Zudem gelangen jährlich bis zu 500.000 Tonnen Kunststoffe aus der EU in die Ozeane.[4]  Müllstrudel im Nordpazifik vier Mal so groß wie Deutschland [5] oder auch zwei Mal so groß wie Texas [6]  sind die Folge und gefährden das Ökosystem schon heute.

Die EU-Kommission will diese Entwicklung aufhalten. Dazu stellte sie im vergangenen Mai ein Maßnahmenpaket vor, das ein Verbot von Einwegprodukten aus Kunststoff wie Wattestäbchen, Plastiktellern und Trinkhalmen vorsieht. Auch sollen die Mitgliedstaaten künftig Einwegplastikflaschen einsammeln und zu 90% wiederverwerten. In einem weiteren Fahrplan für eine nachhaltigere Zukunft, den die Kommission bereits im Januar präsentierte, ist die Recyclingfähigkeit aller Kunststoffprodukte ab 2030 vorgesehen. Darin wurde auch darauf verwiesen, dass 85% des gesamten Mülls in den Meeren weltweit aus Plastik bestehe.[7]  Dieser Missstand betrifft auch die Textil- und Modebranche.

Patagonia erkannte die Notwendigkeit zu Handeln bereits 1993 und war das erste Outdoor-Unternehmen, das Fleece-Bekleidung aus recyceltem Polyester produzierte. Angefangen mit dem Recycling von Plastikflaschen bereitet das US-amerikanische Unternehmen heute auch unbrauchbare Produktionsabfälle und ausrangierte Kleidungsstücke zu neuen Fasern auf. In Zusammenarbeit mit Prima Loft, einem führenden Anbieter von High-Performance-Isolierungen und -Stoffen, entwickelte Patagonia zudem ein Wärmeisolationsmaterial, das zu 55% aus recyceltem Post-Consumer-Waste besteht. Damit sollen allein im ersten Jahr zwei Millionen Plastikflaschen verwertet werden.[8]

Auch die italienische Unternehmensgruppe Aquafil verarbeitet Müll zu Garnen. Für die Econyl-Garne werden zunächst Nylonabfälle in Kooperation mit globalen Initiativen eingesammelt. Dabei handelt es sich sowohl um Endprodukte wie Fischernetze als auch um industrielle Produktionsabfälle. In Slowenien werden die Wertstoffarten gereinigt und zerkleinert, anschließend wird das Nylon mithilfe von speziellen Regenerationssystemen zurückgewonnen. Im Gegensatz zum mechanischen Recycling ermöglicht ein nachhaltiges chemisches Verfahren, alle Fremdstoffe auszusortieren und das enthaltene Nylon in den Primärrohstoff zurück zu verwandeln. So wird eine 100% Primärwarenqualität garantiert, die das Nylon in einem endlosen Regenerationsprozess ohne Qualitätsverlust wiederverwertbar macht. Damit schließt sich der Kreis: Die Produkte, die für Kunden keinen Nutzen mehr haben, können in die Regenerationssystem zurückgeführt werden.[9] 

Der Hersteller gibt an, durch das Recycling-Verfahren 70.000 Fässer Rohöl zu sparen und 57.000 Tonnen CO2-Emissionen zu verhindern. Im Vergleich zu herkömmlichem Nylon würde dadurch der Einfluss auf die globale Erwärmung um 80% reduziert.[10]  Der recycelte Stoff wird unter einem weitaus geringeren Energieaufwand hergestellt und steht in Punkto Qualität dem Virgin Nylon in keiner Weise nach. Zu den Kunden von Econyl gehören sowohl Fair Fashion Brands wie Bleed Clothing als auch der Fast-Fashion-Retailer H&M. Und immer mehr Global Player der Modeindustrie erkennen die Notwendigkeit, sich umweltbewusst zu präsentieren. So kündigte der deutsche Sportartikelhersteller Adidas kürzlich an, bis 2024 nur noch recyceltes Polyester zu verwenden.[11]
Ein Schritt, der die gesamte Modeindustrie beeinflussen könnte. [12]

Wie sich die Vision einer kreislauffähigen Modeindustrie umsetzen lässt, wird vom 15. bis 17. Januar 2019 erneut auf der NEONYT Tradeshow ersichtlich. Die auf nachhaltige Mode spezialisierte Plattform verschmilzt die Messen Greenshowroom und Ethical Fashion Show Berlin ab der kommenden Veranstaltung unter einem neuen Namen. Im vergangenen Juli waren auf den Messen zahlreiche Labels vertreten, die recycelte Stoffe nutzen – darunter auch Bleed Clothing. Ob Bademode aus Fischernetzen bei Margaret and Hermione oder Sportswear aus Ozeanmüll bei Ecoalf – die Veranstaltung gab einen Vorgeschmack darauf, wie die Zukunft der Mode aussehen könnte. Dies wurde auch während dem parallel stattfindenden Konferenzformat FASHIONSUSTAIN deutlich. Unter dem Slogan „Jump into the future!“ diskutierten branchenrelevante Speaker und internationale Schuhlabels die Notwendigkeit, vernetzt zu denken und in Zukunft verstärkt innovative Recycling-Materialien für die Produktion zu nutzen.[13]

Doch recycelte Kunstfasern sind nicht nur für die Modeindustrie spannend, auch die Automobilbranche hat großen Bedarf. So verwendete BMW für die Fußmatten eines Elektroautos beispielsweise Econyl-Nylon. [14] Auf der Messe Techtextil vom 14. bis 17. Mai 2019 widmet sich mit „Oekotech“ gleich ein ganzes Segment umweltfreundlichen Lösungen. Von Luft- und Raumfahrt über Bau bis hin zu Medizin und Sport - die vielseitigen Einsatzgebiete von Textilien lassen ressourcenschonende Optionen langfristig gesehen unerlässlich werden. Deshalb werden auch auf der parallel stattfinden Texprocess neue Technologien für Recyclingverfahren vorgestellt.

Und auch der Interieur-Bereich setzt auf Nachhaltigkeit und Recycling: Während der Messe Heimtextil waren im vergangenen Januar in Frankfurt am Main auch Garne aus Nylonabfällen im Rahmen der Carpet by Heimtextil Ausstellung präsent. Dort wurde deutlich, dass die strapazierfähigen Garne für die Inneneinrichtung - zum Beispiel als Teppiche - eine nachhaltige Lösung darstellen können. [15] Und auch der Sonnenschutzhersteller MHZ erweiterte 2017 die Stoffkollektion um Rollos und Flächenvorhänge, die zu 50% aus Ozeanplastik bestehen. [16] Für die Heimtextil vom 8. bis zum 11. Januar 2019 werden noch mehr nachhaltige Innovationen auf einer noch größeren Fläche erwartet, denn das Thema „Gesundes Wohnen“ schließt umweltfreundliche Produkte unweigerlich mit ein. [17]

Im Hinblick auf die Ressourcenknappheit und akute Umweltprobleme sind Alternativen zu herkömmlichen Kunstfasern gefragter denn je. Die Unternehmen, die jetzt handeln und sich auf die Suche nach kreislauffähigen Optionen machen, werden die Zukunft maßgeblich mitgestalten.

[1] Industrievereinigung Chemiefasern, https://www.ivc-ev.de/live/index.php?page_id=7 / https://www.ivc-ev.de/live/index.php?page_id=42
[2]Industrievereinigung Chemiefasern, https://www.ivc-ev.de/live/index.php?page_id=42
[3]Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe, https://www.bgr.bund.de/DE/Themen/Energie/Erdoel/erdoel_node.html
[4]https://www.umweltbundesamt.de/themen/eu-plastikstrategie-guter-ansatz-aber-zu-unkonkret
[5]https://www.welt.de/wissenschaft/article174836391/Ozeane-Muellstrudel-sind-groesser-als-gedacht-und-wachsen-weiter.html
[6]https://eu.usatoday.com/story/tech/science/2018/03/22/great-pacific-garbage-patch-grows/446405002/
[7]https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/plastikmuell-vermeiden-eu-kommission-will-plastikgeschirr-verbieten-1.3992079
[8]https://www.patagonia.com/nano-puff.html
[9]http://www.econyl.com/de/das-econyl-regenerationssystem/
[10]http://www.econyl.com/the-process/
[11]https://www.welt.de/wirtschaft/article179523316/Plastikmuell-Adidas-will-mehr-recyclen.html
[12]https://fashionunited.de/nachrichten/business/juengste-entscheidung-von-adidas-koennte-gesamte-mode-industrie-beeinflussen/2018072726139
[13]https://texpertisenetwork.messefrankfurt.com/frankfurt/de/list/texpertise-network-news/schuh-lederindustrie.html
[14]https://www.mittelstand-nachrichten.de/verschiedenes/grenzenloser-konsum-war-gestern-nachhaltige-und-umweltschonende-stoffe-zunehmend-im-trend/
[15]http://www.aquafil.com/de/news-media-de/aquafil-con-il-filo-econyl-alla-fiera-heimtextil-di-francoforte/
[16]https://www.mhz.de/blog/greenscreenr-sea-tex-ist-trendprodukt-des-jahres-201718/
[17]https://www.heimtextil-blog.com/moebel-und-dekostoffe/

 

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