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Munschutz auf rotem Hintergund
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Perspektiven: Medtech x Corona

Maske auf!

Kliniken klagen über einen Mangel an Schutzkleidung, gleichzeitig werden Bürger aufgefordert beim Einkaufen Masken zu tragen. Wie passt das zusammen? In der Debatte zur aktuellen Coronakrise müssen zwei Maskentypen unterschieden werden: Mund-Nasen-Masken und persönliche Schutzausrüstung. Das Herzstück der Atemschutzmasken im Gesundheitswesen sind spezielle Vliesstoffe – doch um dem dringenden Bedarf nachzukommen, müssen Unternehmen und Politik gemeinsam handeln.

April 2020

Die Welt im Notstand: Kein Land hat genug Masken auf Vorrat, um optimal auf die aktuelle Gesundheitskrise zu reagieren. Auch der Präsident der deutschen Bundesärztekammer Dr. Klaus Reinhardt äußert sich besorgt über die Ausstattung von Ärzten, Praxismitarbeitern und Pflegepersonal mit Schutzausrüstung gegen eine Corona-Infektion. Er appelliert an die Gemeinschaft und fordert neben dem Bundesministerium für Gesundheit jedes Unternehmen dazu auf, in der aktuellen Krisensituation zu helfen: „Ob Automobilzulieferer oder Textilunternehmen – alle sind aufgerufen, wenn irgend möglich ihre Fertigung umzustellen und in die Produktion von Schutzausrüstung einzusteigen.“ Vom Unterwäschelabel Mey über den Bekleidungshersteller Trigema bis hin zum Automobilzulieferer ZF: Viele Firmen sind dem Aufruf bereits gefolgt und stellen seit Neustem Masken her. Doch helfen diese dort, wo sie gebraucht werden? Und wie passen Ausrüstungsengpässe in Krankenhäusern mit Influencer-Kampagnen und Aufrufen der Regierungen, in der Öffentlichkeit Masken zu tragen, zusammen?

Mund-Nasen-Masken vs. persönliche Schutzausrüstung

Zunächst müssen zwei Arten von Masken unterschieden werden: Einfache Mund-Nasen-Masken aus Stoff schützen vor allem andere. Sie können bei richtiger Verwendung und Materialauswahl die Ausbreitung von größeren Tröpfchen beispielsweise beim Husten oder Niesen sowie Kontaktinfektionen mit kontaminierten Fingern reduzieren. Da diese weder eine medizinische Zweckbestimmung, noch eine Selbstschutzfunktion haben, werden sie als Bekleidungsgegenstand eingeordnet. Diese Art von Masken sind es, die von der Bevölkerung getragen werden sollen, um die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen. Auf der anderen Seite benötigen Menschen, die in patientennahen Berufen arbeiten, sogenannte persönliche Schutzausrüstung (PSA). Spezielle Filter aus Meltblown-Vliesstoff verhindern bei diesen Masken eine Ansteckung mit Sars-CoV-2 oder anderen Viren. Zu diesen zählen die Filtering Facepiece (FFP)- Masken – in verschiedenen Schutzstufen.

„Wir können COVID-19 nicht stoppen, ohne zuerst das Gesundheitspersonal zu schützen “, sagt Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus, Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Oberstes Ziel ist also die Versorgung der Ärzte und Pfleger mit den partikelfiltrierenden Atemschutzmasken.

Viele Unternehmen wollen helfen, aber die Verwirrung ist groß: Dr. Martin Leonhard, Vorsitzender der Medizintechnik beim deutschen Industrieverband Spectaris, begrüßt die „großartige Geste der Solidarität“, mahnt aber auch zur Vorsicht: „Am Intensivbett des Patienten darf die gute Absicht keinesfalls nach hinten losgehen.“ Als große Herausforderung sieht er die besonderen Anforderungen, die bei der Herstellung von Schutzausrüstungen berücksichtig werden müssen. Um Abhilfe zu schaffen, hat der Gesamtverband der deutschen Textil- und Modeindustrie einen Leitfaden erstellt. Dieser enthält neben der detaillierten Abgrenzung der Maskenarten, auch rechtlichen und technischen Hinweise von Medizinprodukte-Richtlinien bis Materialauswahl.

Engpässe und Initiativen

250 Millionen medizinische Masken und 30 bis 40 Millionen Masken für persönliche Schutzausrüstung wären alleine in der EU monatlich erforderlich, um die Verbreitung des Coronavirus effektiv zu verlangsamen1. Laut dem europäischen Verband der Vliesstoffindustrie EDANA gibt es drei Engpässe, um auf die enorme Nachfrage zu reagieren: das Vlies-Produktionsvolumen, die Wartezeit auf Zertifizierungen und die Konvertierungskapazitäten. Nach Schätzung der WHO wären 40 Prozent mehr Produktionskapazitäten nötig. Auch die Blitzumfrage des Bundesverbandes Medizintechnologie (BVMed) vom 18. März 2020 kommt zu einem beunruhigenden Ergebnis: Knapp 60 Prozent der befragten Medtech-Unternehmen haben Probleme mit ihren Zulieferbetrieben; etwa jeder Dritte (35%) kann den Bedarf von medizinischer Schutzausrüstung und Desinfektionsmitteln noch nicht einmal für die eigenen Produktionsstätten sicherstellen.

Die Wirtschaft hält zusammen: Auch der VDMA, die größte Netzwerkorganisation des europäischen Maschinenbaus, erhielt im März 2020 eine Eilanfrage des Bundesgesundheitsministeriums, das dringend zusätzliche Produktionskapazitäten suchte. Auf den Aufruf des Verbandes reagierten innerhalb weniger Wochen hunderte Unternehmen und Initiativen. Ebenso arbeitet EDANA enger als je zuvor mit seinen Partnern ESF, dem Europäischen Sicherheitsverband, und Euratex, dem Europäischen Bekleidungs- und Textilverband, daran, neue Lösungen zu schaffen. Im März schickte EDANA einen Brief an die Europäische Kommission mit der Bitte als Mitgliedstaaten zusammenzuarbeiten, sodass alle Produktionsanlagen voll funktionsfähig bleiben. Die Reaktionen der Politik sind vielfältig: So will die EU-Kommission den Geltungsbeginn der Medizinprodukte-Verordnung (MDR) am 26. Mai 2020 um ein Jahr auszusetzen, um die benötigten Kapazitäten freizuschaufeln. Und das deutsche Corona-Kabinett hat beschlossen, Hersteller des Meltblown-Vlieses zu subventionieren - ihnen soll ein Zuschuss von 30 Prozent auf die Investitionskosten für die Anlagen bereitgestellt werden.

Die Produktionen für Ausgangsmaterialien werden soweit wie möglich hochgefahren, doch es müssen neue lokale Lieferketten und Partnerschaften entstehen, um die Weiterverabeitung zu ermöglichen. Erste Erfolge gab es bereits in verschiedenen Online-Netzwerken: Hier haben Rohstofflieferanten, Nähereien und Akteure aus Medizin- und Labortechnikindustrie zusammengefunden. So rief beispielsweise das Institut für Textiltechnik der RWTH Aachen Universität die Plattform „Need Mask“ ins Leben. Wieder andere nehmen das Thema selbst in die Hand und holen die Produktion in die eigene Nähe: Das Unternehmen Dach Schutzbekleidung produziert den Großteil der eigenen Produkte in China. Nach Verhandlungen mit der chinesischen Regierung konnten 300.000 Atemschutz-Masken und 3 Millionen Mund-Nasen-Masken an das Bundesministerium für Gesundheit geliefert werden. Um in Zukunft unabhängiger agieren zu können, arbeitet Dach daran, bereits im Mai 2020 eine ausschließlich deutsche Produktion am Hauptfirmensitz Rastatt zu eröffnen.

Gemeinsam gegen das Virus

550 Tonnen Filtermaterial im Jahr, 1,8 Millionen Atemschutzmasken pro Tag: So viel kann eine 1,6 Meter breite Meltblown-Anlage der Firma Reifenhäuser Reicofil produzieren. Um Unternehmen in der aktuellen Krise noch schneller mit neuen Maschinen versorgen zu können, hat der Maschinenbauer die Lieferzeit um ein Drittel auf 3,5 Monate reduziert. Die Berry Global Group investierte bereits und wird im Juni mit einer neuen Anlage beliefert. Doch das Virus wartet nicht, bis die Länder nachgerüstet haben. Genauso macht es nicht vor nationalen Grenzen halt. Mittlerweile gibt es laut WHO mehr als 2 Millionen bestätigte Covid-19-Fälle in über 200 Ländern und Gebieten. Kein Land kann den Kampf gegen das Virus alleine schaffen: Es muss gemeinschaftlich daran gearbeitet werden, die Produktion der benötigten Rohmaterialien anzukurbeln und die fertigen Schutzausrüstungen gerecht zu verteilen. Die Expertise von Vliesstoffproduzenten und der Austausch mit Medtech-Unternehmen ist dabei überlebenswichtig – und wird auch über die aktuelle Krise hinweg relevant bleiben. Die internationalen Leitmesse Techtextil und Texprocess mit globalen Technologieunternehmen wie Freudenberg und Ahlstrom-Munksjo Glassfibre Oy präsentieren das geballte Branchenwissen.  Spannende Innovationen im Bereich der technischen Textilien und Vliesstoffe sowie die neuesten Anlagen und Verfahren sind vom 4.  bis 7. Mai 2021 in Frankfurt am Main zu sehen.

Lena M. Kaufmann

 

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1 Edana (2020): „Together we will succeed!“ https://www.edana.org/how-we-take-action/covid-19/joining-forces-in-the-battle-against-covid-19

 

Weitere Informationen finden Sie unter:

Foto: Anna Shvets

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