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Nun schließt sich der Kreis dieser Texcycle-Serie, wir nehmen die Kreislaufwirtschaft genauer unter die Lupe und fassen die Erkenntnisse der vorangegangenen Folgen zusammen.
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Texcycle #12

Kreislaufwirtschaft

Nun schließt sich der Kreis dieser Texcycle-Serie, wir nehmen die Kreislaufwirtschaft genauer unter die Lupe und fassen die Erkenntnisse der vorangegangenen Folgen zusammen.

Die Natur ist die Wiege des Kreislaufs: ein System, das auf Wiederherstellung und Regeneration angelegt ist. Eine Kreislaufwirtschaft will Abfall eliminieren, wovon Unternehmen und Umwelt profitieren, was wiederum für die Gesellschaft vorteilhafter sein sollte. Seit Beginn der industriellen Revolution Ende des 18. Jh. hat ein auf Extraktion ausgerichtetes, lineares Geschäftsmodell die globale Produktion beherrscht. Die Auswirkungen sind heute in Form des Klimawandels, der übervollen Müllhalden und einem schier endlosen Abfallstrom deutlich spürbar.

Kreislaufwirtschaftssysteme sind seit der zweiten Hälfte des 20. Jh. Gegenstand von Forschungsuntersuchungen. Aber erst ungefähr im letzten Jahrzehnt sind gemeinnützige Organisationen wie die Ellen MacArthur Foundation (GB), das Cradle to Cradle Products Innovation Institute (Kalifornien) und Circle Economy (Amsterdam) entstanden, und diese Ideen fassen momentan wirklich Fuß. Mit besonderem Blick auf Bekleidung und Textilien wurde 2009, parallel zur UN-Klimakonferenz in Kopenhagen, der Copenhagen Fashion Summit als jährliche Veranstaltung für weltweit führende Unternehmen, Pioniere und Vordenker ins Leben gerufen, um den Übergang zu einer nachhaltigeren Modebranche zu beschleunigen. Die Konferenz wird von der Global Fashion Agenda veranstaltet, die auch hinter den Studien CEO Agenda und Pulse of the Fashion Industry steht.

Auf dem Copenhagen Fashion Summit im Jahr 2017 rief die Ellen MacArthur Foundation die Make Fashion Circular Initiative mit Branchengrößen wie H&M, Nike, Stella McCartney und Burberry als Hauptpartner ins Leben. Die Global Fashion Agenda forderte daneben die Industrie auf, mit der Unterzeichnung des 2020 Circular Fashion System Commitment nun endlich im Rahmen einer Selbstverpflichtung auf Worte Taten folgen zu lassen Die Ziele beider Projekte sind:

  1. Entwicklung von Geschäftsmodellen, damit Bekleidung durch Wiederverkauf, Rücknahmeschemen, Reparatur, usw. länger im Gebrauch bleibt (und nicht als Abfall endet),
  2. Bekleidung wird von Anfang an für einen Kreislauf konzipiert, also aus erneuerbaren Materialien gefertigt, die auf sichere, ungiftige Art hergestellt werden und
  3. aus Alt macht Neu durch Upcycling, mechanisches oder chemisches Recycling.

Die Global Fashion Agenda erreichte es, dass 12% des weltweiten Modemarktes – darunter Eileen Fisher, H&M, Nike, ASOS und Inditex – die Selbstverpflichtung von 2020 unterzeichnen. Jedes Unternehmen legte seine eigenen Kreislaufziele fest. Im Juli 2019 erfüllten die Unterzeichner 21% der 213 Ziele. Trotz dieser Bemühungen hat der 2019 Pulse Bericht ergeben, dass die Modeindustrie noch weit von der Zirkularität entfernt ist . Das Tempo der Nachhaltigkeitsleistung verlangsamt sich schon seit 2017, und nachhaltige Lösungen werden nicht schnell genug umgesetzt, um die negativen Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaft einer rasch wachsenden Industrie auszugleichen.

Im 2017 Pulse Bericht heißt es auch, dass die Weltbevölkerung bis 2030 über 8,5 Mrd. Menschen betragen wird, was zu einer Steigerung der globalen Bekleidungsproduktion um 63% führt. Wenn man aber hört, dass Marken von H&M bis Burberry aus Prestigegründen absolut gebrauchsfähige nicht verkaufte Lagerware verbrannt haben, liegt die Annahme nahe, dass zu viele unerwünschte Waren hergestellt und auch nicht recycelt werden. Außerdem weisen die immer größer werdenden Altkleiderberge auf einen Überkonsum hin, der natürlich nur wegen der Überproduktion möglich geworden ist. Das zeigt, dass die Modebranche enorm ineffizient arbeitet und dem Verbraucherbedarf nicht gerecht wird. Deswegen müssen die Marken Angebot und Nachfrage besser in Einklang bringen. Hier können Tools wie KI zur Trendprognose, interaktives 3D-Prototyping, Produktpersonalisierung sowie Einzelstück-Fertigung hilfreich sein.

Aber die Generalüberholung großer Markenunternehmen, die seit Jahrzehnten auf billige Arbeitskräfte, minderwertige Materialien, Kostenersparnis durch Massenproduktion, Expansion und globale Beherrschung setzen, kann nicht von heute auf morgen geschehen. Kleinere Labels und Startup-Unternehmen mit mehr Möglichkeiten zum Experimentieren sind deswegen oft die treibenden Kräfte und wichtige Katalysatoren in der Übernahme von nachhaltigen Technologien und Systemen. Marken wie Thousand Fell, The Big Favorite, For Days und Silfir haben den Kreislauf von Anfang an mit nachhaltigen Materialien, langlebigen Designs, hausinternen Rücknahmesystemen und Kreislauf-Recycling einbezogen. Zur Finanzierung und Unterstützung der Entwicklung innovativer Ideen können Förderprogramme wie der Global Change Award der H&M Foundation und Fashion For Good für eine stärkere Verbreitung und schnellere Marktreife sorgen und Kooperationen mit Unternehmenspartnern anregen.

Um sicherzustellen, dass sich große wie auch kleine Marken auf zirkuläre Geschäftsmodelle hinbewegen, müssen Regierungen und politische Entscheidungsträger eine größere Rolle bei der Gestaltung der regulatorischen Rahmenbedingungen spielen. Das könnte bedeuten, dass Frischfasern nur begrenzt eingesetzt werden dürfen, dass Umwelt-/Verschmutzungssteuern auf nicht nachhaltig hergestellte Bekleidungsstücke oder vielleicht sogar eine Art von Bekleidungsrationierung eingeführt werden. Die Zirkularität allein ist aber kein Allheilmittel und kann leicht als Favorit der Greenwashing-Agenda missbraucht werden. Ein Kreislaufsystem, das Bekleidungsabfall recycelt oder nachhaltige Stoffe verwendet, um noch mehr neue Bekleidung zu produzieren, wird nur den Kreislauf von Überproduktion/Konsum aufrechterhalten. Marken müssen deswegen nicht nur weniger, sondern auch besser produzieren und zu einem Preis verkaufen, der die erforderlichen Material- und Arbeitskosten realistisch abbildet. In diesem Sinne sind Transparenz und Nachverfolgbarkeit entlang der Lieferkette unabdingbar.

Transparenz ist essentiell für Firmen, damit man verstehen kann, wie und wo ihre Produkte hergestellt werden – vom Anbau der Rohstoffe bis zur Produktion von Textilien und Bekleidung – um sicherzustellen, dass die Menschenrechte respektiert werden, die Arbeitsbedingungen sicher sind, die Materialien von seriösen Anbietern stammen und die Umwelt bewahrt wird. Wenn diese Angaben, wie im Fashion Transparency Index der weltweiten, gemeinnützigen Fashion Revolution-Bewegung, öffentlich gemacht werden, können Marken für ihre positiven wie negativen Handlungen verantwortlich gemacht werden. Damit lässt sich dann die ethische und nachhaltige Leistung einer Marke messen. Technologien wie die Blockchain könnten eine wichtige Rolle dabei spielen zu verfolgen, wo, wann und wie die Produkte hergestellt werden; außerdem verkürzen Nearshoring und Onshoring die Lieferkette, erleichtern die Überwachung und verringern dabei auch den Transportbedarf und den Kohlendioxidausstoß.  

Die Unternehmen können durch Offenlegung der Produktionskosten auch ihre Kunden in einen konstruktiveren Dialog einbinden. Transparente Preisgestaltung, wie es D2C-Marken einschließlich Everlane, Maison Cléo, Hundhund und Iuiga zeigen, hilft Verbrauchern, die Kosten im Zusammenhang mit Produktion, Marketing und Lieferung eines Produkts besser zu verstehen und dadurch zu einer besser informierten Einkaufsentscheidung zu gelangen. Das garantiert aber immer noch nicht, dass Arbeiter entlang der Lieferkette fair bezahlt oder nachhaltige Materialien/Methoden verwendet werden. Deswegen sollte auch ein allgemeines Zertifizierungs- und Bewertungssystem eingerichtet werden, damit sowohl Hersteller als auch Verbraucher wissen, wie nachhaltig und ethisch ein Produkt hergestellt wurde.

Die Umweltvorteile der Zirkularität überschatten häufig die potenziellen sozialen und ethischen Auswirkungen, aber Maßnahmen wie Nahverlagerung der Textil- und Bekleidungsproduktion in Europa könnte helfen, die Verwendung nativer Pflanzenfasern wie Hanf oder Leinen zu beleben und den Druck von der Baumwoll- und Polyesterproduktion nehmen. Außerdem würden diese Industrien wieder hier ansässig und Arbeitsplätze entstehen. Das würde dann den Entwicklungsländern mehr Raum geben, wo so viel der weltweiten Bekleidung hergestellt recycelt und entsorgt wird, damit sie sich auf den Ausbau ihrer eigenen Industrien und um dringende innere Angelegenheiten kümmern können, statt um die Launen des westlichen Modemarkts. Sobald die Verbraucher wirklich verstehen, dass Fast Fashion nur existiert, weil die Umwelt und billige ausländische Arbeitskräfte ausgebeutet werden, werden wir hoffentlich alle genauer darüber nachdenken, was wir kaufen und was das bedeutet.

Letztlich will die Kreislaufwirtschaft erreichen, dass keinerlei Abfälle mehr entstehen, also keine Schnittreste, unverkaufte Waren oder gebrauchte Kleidung auf der Müllkippe. Ein geschlossener Regelkreis muss auch die Freisetzung von Kunststoffmikrofasern und Giftstoffen aus Farben und Appreturen in die Umwelt berücksichtigen. Frischfasern einfach durch Recyclingfasern, besonders Polyester, zu ersetzen ist deshalb nicht ganz so unkompliziert, weil aber für die Herstellung weniger Energie und Ressourcen nötig sind, ist das zumindest ein Notbehelf. Langfristig versprechen Fortschritte beim chemischen Recycling regenerierte Naturfasern von einer noch besseren Qualität als die ursprünglichen Textilien. Außer es findet sich eine tragfähige Lösung für das Mikrofaser-Schreddern müssen Kunststoffe vielleicht ganz abgeschafft werden. Damit die Markenunternehmen über die neuesten Entwicklungen auf dem Laufenden bleiben, können ihnen Beratungsagenturen wie circular.fashion (Berlin) und Green Strategy (Stockholm) bei der Erreichung ihrer zirkulären Ziele helfen.

Zirkularität, Transparenz, Technologie, Nahverlagerung, Recycling, soziale Gerechtigkeit, alle diese verschiedenen Stränge müssen miteinander verwoben werden, um einen echten, dauerhaften nachhaltigen Wandel zu gestalten, während gemeinnützige Organisationen und Marken für eine unverzügliche Umsetzung ihre Erkenntnisse zusammenführen und mit Regierungen und Verbrauchern kooperieren müssen. Der Verbraucher hat die Sache zwar nicht in Gang gebracht, denn solange wir weiter die Sachen kaufen, die wir gar nicht brauchen, sei es noch ein Billigshirt oder eine Luxus-Handtasche, werden wir den Überkonsum im Spätkapitalismus nur weiter anheizen. Doch irgendwo zwischen der Beliebtheit der Aufräummethode von Marie Kondo oder VIPs, die ihre Outfits mehrfach auf dem roten Teppich präsentieren sowie der Fashion Revolution #LovedClothesLast Kampagne, setzt sich hoffentlich langsam die Erkenntnis durch, dass man mit weniger Dingen glücklich oder sogar glücklicher sein kann. Die Markenunternehmen müssen entsprechend zurückfahren, wenn sie weiter ein Wörtchen mitreden und überleben wollen.

Von: Mairi Hare im Rahmen einer Zusammenarbeit zwischen Sourcebook GmbH und Texpertise Network.

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