Überspringen
Zurück zur Übersicht

Interview mit Dr. Christian Benedict

„Wir sollten die individuellen Bedürfnisse nicht vergessen“

Dr. Christian Benedict forscht seit mehr als 20 Jahren zum Thema Schlaf. Auf dem Heimtextil Summer Special vom 21. bis 24. Juni 2022 spricht er im Rahmen der Heimtextil Conference „Sleep & More“ über Schlafstörungen während der Pandemie und den Zusammenhang mit unserem digitalen Medienkonsum. Uns verrät er vorab, welche Einflüsse darüber hinaus zu einem guten Schlaf beitragen.

Dr. Christian Benedict, Neurowissenschaftler, forscht seit vielen Jahren zum Thema Schlaf
Dr. Christian Benedict, Universität Uppsala (Schweden)

Herr Dr. Benedict, Sie sind Neurowissenschaftler und forschen seit vielen Jahren zum Thema Schlaf. Haben Sie im Laufe dieser Jahre eine Veränderung beobachten können, wenn es darum geht, welche Bedeutung dem Schlaf in Bezug auf Gesundheit und Leistungsfähigkeit in der Öffentlichkeit beigemessen wird?

„Das Thema Schlaf hat in all diesen Jahren auf jeden Fall an Bedeutung gewonnen. 2002/2003 war es noch nicht so populär. Eine meiner ersten Publikationen habe ich auf einer Diskette gespeichert und musste sie in die USA schicken und Monate später habe ich einen Brief zurückbekommen. Heute ist das alles digital. Es ist einfach eine andere Zeit und das führt dazu, dass Informationen auch viel schneller fließen und ein viel größeres Publikum erreichen.

Und dann gibt es Leute, wie Mathew Walker aus Berkley, der das sehr erfolgreiche Buch „Warum wir schlafen“ geschrieben hat. Ich selber und auch andere haben Bücher geschrieben, die das Thema ein bisschen populärwissenschaftlicher aufbereitet haben. Es interessiert viele Menschen, weil wir alle irgendwann Berührungspunkte mit schlechtem Schlaf hatten und daher wissen, dass es einem ganz schön an die Nieren geht, wenn man nicht genügend schläft.“

Dass gesunder Schlaf zu einem intakten Immunsystem und besserer Konzentrationsfähigkeit beiträgt, dürfte vielen inzwischen bekannt sein. Aber dabei geht es nicht nur um die Dauer des Schlafs - wie lässt sich die Qualität des Schlafs verbessern?

„Zentral für unseren Schlaf ist unser Schlafzimmer, also die Umgebung, und worauf wir schlafen, unser Bett und unsere Bettwaren, sprich Kopfkissen und Bettdecke. Und wenn man sich mal ein bisschen versucht, in die Forschung hinein zu graben, dann sieht man, dass es viel industrielle Kompetenz gibt, aber nahezu keine akademische Kompetenz. Das Thema ist noch gar nicht so richtig erforscht. Und das ist doch erstaunlich.

Denn die Unterlage, auf der ich schlafe, oder die Materialien, in denen ich acht Stunden meines Tages verbringe, die haben natürlich auch einen Einfluss auf die Güte und die Qualität meines Schlafs.

Das fand ich auf der Heimtextil sehr befruchtend: Dort trifft man so viele Leute aus der Industrie, die viele Ideen dazu haben. Aber von der Forschung wird das so gar nicht aufgenommen. Ich habe mir das zu Herzen genommen und habe eine Studie zum Thema Gewichtsdecke durchgeführt. Hoffentlich kann ich auf der Heimtextil im Sommer, wenn wir eine Publikation dazu haben, mehr dazu sagen.

Wir machen uns so viele Gedanken über Einflüsse wie Internetnutzung, haben einen stressigen Lebensstil, aber keiner macht sich zum Beispiel Gedanken über die Schlafraumhygiene. Da gibt es ja schon viele Aspekte, wie Belüftung oder die Materialien. Wie sehr können die sich entfeuchten? Natürlich spielen auch die Haus- und Bettmilben eine ganz wichtige Rolle für viele Menschen, weil sie einfach dazu führen, dass die Nase verstopft.“

Gibt es eigentlich länderspezifische Unterschiede, was den Schlaf anbetrifft? Und zeigt sich das statistisch auch im Gesundheits- oder Gemütszustand seiner Bevölkerung?

„Es gibt eine schöne Untersuchung, bei der Menschen aus unterschiedlichen Ländern befragt wurden, wie sie schlafen. Demnach gibt es zu viele, die einfach global nicht genügend schlafen. Und dann gibt es da aber auch noch größere Unterschiede von Land zu Land.

Das kann natürlich nicht nur mit der Schlafumgebung zusammenhängen, sondern auch damit, wie Schlaf dort kulturell angesehen wird. In Japan ist zum Beispiel das so genannte Napping ein Bestandteil des Lebensstils. Und in Deutschland, das immer sehr darauf ausgerichtet ist, leistungsorientiert zu sein und zeiteffizient, da ist es nicht verwunderlich, dass nicht viel Raum für den Schlaf bleibt.

Es ist nicht nur so, dass das für ein Land gilt, sondern dass wir auch IN einem Land ganz unterschiedliche Gruppen und entsprechende Risikogruppen haben: Jugendliche – eine ganz typische Gruppe – die in früh morgendliche Schemata gezwungen werden, haben dann oft große Probleme.

In Schweden ist das Thema Schlaf auch wichtig. Das hängt aber auch mit der Lage Schwedens zusammen, weil wir sehr dunkle Wintermonate haben und sehr helle Sommermonate. Auch das hat natürlich einen großen Einfluss darauf, wie gut wir schlafen können.“

Gibt es einen Hinweis oder einen Rat, den Sie der Bettwaren-Industrie oder auch dem Handel mitgeben möchten?

„Die Forschung hinkt der Industrie beim Thema Schlaf hinterher. Jemand, der mir von unterschiedlichen Kissen mit unterschiedlichen Härten und unterschiedlicher Füllung erzählt, der wird in der Regel aufgrund seines Kundenkontakts viel mehr Ahnung haben, als ich. Denn ich bin primär Schlafforscher und interessiere mich dafür, warum wir schlafen und was passiert, wenn wir nicht schlafen. Und da ist das Bett eher funktional.

Wenn man an die Bettenindustrie denkt – ich finde das spannend – sie kann sehr befruchtend für die Forschung sein. Nichts desto trotz sollte sie sich vielleicht auch auf die Flagge schreiben in der Zukunft: Wir produzieren für die Masse, aber wir sollten die individuellen Bedürfnisse dabei nicht vergessen.“

Vielen Dank!

Tipp: Dr. Christian Benedict spricht während des Heimtextil Summer Specials in Frankfurt am 21. Juni 2022 um 14 Uhr in Heimtextil  Conference Sleep & More, Halle 3.0 zum Thema: „Coronasomnie: ein virales Problem! Schlafstörungen in der Pandemie - können wearables helfen?“

Tags

  • Nachgefragt
  • Interview