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Claudia Franz, Director Brand Management für Interior & Contract Textiles und Apparel Fabrics & Fashion, Messe Frankfurt
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Nachgefragt: Claudia Franz, Director Brand Management für Interior & Contract Textiles und Apparel Fabrics & Fashion, Messe Frankfurt

„Insgesamt wird der Einkauf bewusster“

Durch Globalisierung, Digitalisierung und wachsendes Bewusstsein für den Umweltschutz erschließen sich neue Wege im globalen Sourcing. Welche Möglichkeiten und Chancen das birgt, verrät Claudia Franz, Director Brand Management für Interior & Contract Textiles und Apparel Fabrics & Fashion, bei der Messe Frankfurt im Interview.

August 2021

1. Liebe Frau Franz, durch Globalisierung, Digitalisierung und eine Veränderung der Wertvorstellungen schreitet der Wandel der globalen Bekleidungsindustrie voran. Welche Chancen ergeben sich dadurch für neue Wege der Beschaffung?

Momentan gewinnt durch die aktuelle Situation das Nearshoring, die Verlagerung betrieblicher Aktivitäten ins umliegende Ausland, an Bedeutung. Dadurch entsteht bei der Beschaffung eine Zeitersparnis – und damit auch eine Kostenersparnis. Insgesamt wird der Einkauf bewusster, schon allein aus Gründen der Kostenkalkulation. Die Budgets werden konzentrierter ausgegeben, das heißt, sie werden auch gezielter geplant. Was ebenfalls bewusster wird, ist das Design. Durch beispielsweise kleinere Kollektionen für einen limitierten Zeitraum wird eine Verknappung erzeugt – und damit eine neue Begehrlichkeit geweckt, was zu einer besseren Lagersituation führt. Im Vorstufenbereich wird zurzeit viel in die Digitalisierung der Stoffe investiert, sodass sowohl die Farbgebung als auch die Stoffeigenschaften per Computer beurteilt werden können, also kein Versand der Muster mehr notwendig ist und auch Reisen der Produktverantwortlichen zu Sourcingzwecken reduziert werden können. In Zukunft wird es außerdem möglich sein, komplette Kollektionserstellung mit unterschiedlichen Lieferanten und Lieferantinnen zu digitalisieren.

2. Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung entlang der textilen Lieferkette gewinnen immer mehr an Bedeutung. Was sind Best Practices im Sourcing, wo gibt es noch Schwierigkeiten oder Potenzial?

Noch wichtiger wird in Zukunft die Kreislaufwirtschaft, speziell die Fähigkeit recycelte Kollektionen zu erstellen. In der Vorstufe geht es darum, Garne oder Stoffmischungen auf nachhaltigem Wege wiederverwertbar zu machen. In der Kollektionsentwicklung selbst muss darauf geachtet werden, dass weniger Ressourcen verbraucht werden. Diese Schiene ist noch sehr ausbaufähig, insbesondere im Bereich bereits hergestellter Produkte, wie z.B. die Aufbereitung von Vintage Kollektionen, die wieder eingesetzt werden können. Siegel wie zum Beispiel Bluesign bieten eine gewisse Orientierung und Garantie. Die Problematik, die jedoch bestehen bleibt: Wer kontrolliert die Einhaltung und Durchführung der mit den Siegeln gesetzten umweltfreundlichen und sozial verträglichen Standards? Auch das Lieferkettengesetz ist im Prinzip ein wichtiger richtungsweisender Anfang, globale Verantwortung für eine global agierende Branche zu übernehmen.

3. An welchen Stellschrauben müssen Unternehmen drehen, um sich weiterhin am internationalen Markt zu behaupten? Und welche Möglichkeiten haben Unternehmen mit kleineren Strukturen, um die Art und Weise des Sourcings nachhaltiger zu gestalten?

Schon seit längerem suchen etablierte Modeunternehmen ihren Platz in der Branche zwischen Luxus und Masse. Wichtige Schritte dabei sind neue Retailkonzepte, die Anpassung der Lieferketten, Investitionen in eine zukunftsfähige Logistik, sowie eine Neujustierung des Qualität-Preisverhältnisses. Das funktioniert nicht einseitig, deshalb sollte in Zukunft eine enge Verzahnung von Industrie und Handel angestrebt werden. Eine wichtige Stellschraube für kleinere Unternehmen ist, zu akzeptablen Marktpreisen produzieren zu können, sodass eine ausreichende Marge für das Unternehmen selbst bleibt. Dafür müsste es mehr Transparenz in der Preisgestaltung geben. Partnerschaften mit Hersteller*innen in der Beschaffung oder eine Spezialisierung könnten hier für kleinere Unternehmen eine Hilfestellung geben. Ein zusätzlicher Schlüssel zum Erfolg ist nicht zuletzt das Vernetzen mit Institutionen, die sowohl den Aufbau eines Unternehmens als auch die Einführung innovativer Lösungen fördern.

Weitere Informationen finden Sie hier:

Texpertise Network

Perspektiven: Neue Wege der Beschaffung

Tags

  • Interview
  • Digitalisieren & Vernetzen