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Perspektiven: Nachhaltigkeit bei Mode- und Textilunternehmen

The New Cool

Pflanzliches Leder, natürliche Farbstoffe, recyceltes Material – immer mehr Marken launchen umweltschonende Kollektionen und werben mit Nachhaltigkeitskampagnen. Wie verändert sich der Markt dadurch? Welche neuen Partnerschaften entstehen? Und welche vielversprechenden Innovationen werden die Branche in den nächsten Jahren prägen? Ein Überblick.

Mai 2021

Soziale Ungerechtigkeiten, instabile Lieferketten, riesige Abfallmengen – dass die Modebranche schmutzig ist, ist längst kein Geheimnis mehr. Im vergangenen Jahr machte die globale Corona-Pandemie diese Missstände noch sichtbarer. Gleichzeitig hatten Konsument*innen in den vergangenen Monaten viel Zeit, um ihre Kleiderschränke auszuräumen und sich mit ihren Konsumgewohnheiten zu beschäftigen. Ein Umdenken fand statt und das Interesse an nachhaltigen Alternativen und einem achtsameren Verbrauch stieg. Dieses Momentum haben auch die Modeanbieter erkannt. Von recycelten Stoffen, über natürliche Materialien bis hin zum klimaneutralen Versand - mittlerweile gibt es kaum noch ein Unternehmen, dass sich nicht in irgendeiner Form diesem Thema widmet. Die Branche denkt um.

Nachhaltige Innovationen

Leder aus Pilzen, Farbe ohne Giftstoffe, recyceltes Nylongarn: Auf dem Markt gibt es immer mehr ressourcenschonende Materialien und Prozesse. Seit 2009 arbeitet das US-amerikanische Biotech-Unternehmen Bolt Threads an einer pflanzlichen Lederalternative, das frei von tierischen Produkten ist. Mylo, das Nicht-Leder von Bolt Threads, wird aus Myzelien, also aus Pilzzellen gewonnen. Das Unternehmen stellt das Material mit Mulch, Luft und Wasser im Labor her – das Ergebnis ähnelt echtem Leder nicht nur optisch, sondern auch in seiner Robustheit und Struktur. Schuhe, Sportbekleidung, Taschen: Noch in diesem Jahr lanciert die deutsche Sportbrand Adidas Sneaker aus dem Pilzleder – als Teil der „Own The Game“-Nachhaltigkeitsstrategie. „Wir haben das Gefühl, dass wir durch Mylo und die Art und Weise, wie wir Mylo in einem Schuh zum Leben erwecken konnten, wirklich innovativ im Bereich Leder sind”, sagte David Quass, Global Director für Brand Sustainability bei Adidas. Auch das Yoga-Label Lululemoon, der Luxuskonzern Kering sowie die Designerin Stella McCartney produzieren bereits damit.

Blaue Innovation: Über eine Milliarde Jeans werden weltweit jährlich hergestellt. 6.000 bis 10.000 Liter Wasser und unzählige giftige Chemikalien sind für die Produktion und Färbung einer einzigen Jeans nötig. Laut der World Health Organization (WHO) sterben jährlich rund 20.000 Menschen aufgrund von gesundheitlichen Folgen des Chemikalien-Einsatzes für Textilien. Der österreichische Faserhersteller und Texprocess-Aussteller Lenzing arbeitet seit Jahren daran, Produktionsverfahren von Textilien nachhaltiger zu optimieren. Mit seiner neuen Indigo Color Technologie können Denimstoffe ohne Chemikalien und mit weniger Wasserverbrauch gefärbt werden: Die Technologie fügt die blauen Farbpigmente direkt in die Fasern ein. „Die Indigo Color Technologie setzt neue Maßstäbe für die Indigo-Anwendung und für Nachhaltigkeit in der Denim-Industrie, indem es traditionelle Fertigungsprozesse revolutioniert und unsere wegweisende Technologie in Kombination mit erneuerbaren und umweltfreundlichen Materialien implementiert", sagt Florian Heubrandner, Vice President Global Textiles Business der Lenzing AG. Unter dem Motto „Sustainability at Techtextil“ und „Sustainability at Texprocess“ stellte Lenzing bereits auf den vergangenen Ausgaben der internationalen Leitmessen Techtextil und Texprocess ihre Innovationen vor. Seit 2019 stehen die Nachhaltigkeitsansätze der Aussteller und Ausstellerinnen explizit im Fokus der Messen.

Während die Branchenvorreiter nach nachhaltigeren Alternativen suchen, zeigen auch immer mehr große Fast Fashion-Labels Interesse an dem Thema. Ob H&M Science Story Collection, Zara Join Life Line oder Small steps. Big impact. By Zalando – viele bekannte Brands, Retailer und Versandhandelsunternehmen positionieren sich nachhaltig. In diesem Jahr launcht H&M beispielsweise eine digitale Aufklärungsinitiative. Gesicht der Kampagne ist die britische Schauspielerin Maisie Williams, die als Global Sustainability Ambassador fungiert. In animierten Videospielen können Kunden und Kundinnen mit Williams‘ Avatar sprechen und mehr über Recycling und Kreislaufwirtschaft erfahren. Für die neue Science Story Collection nutzt H&M Desserto, ein pflanzliches Leder, das aus Kakteen gewonnen wird und EVO by Fulgar, ein Bio-Garn aus Rizinussamen.

Nachhaltigkeit oder Greenwashing?

Bei all der Bewegung in der Branche ist es für Konsumenten und Konsumentinnen zunehmend schwerer, Nachhaltigkeitsaktivitäten von Brands richtig einzuschätzen. Viele Marken werben zwar mit Kampagnen, produzieren aber intransparent. Um die Interessen seiner Kund*innen besser zu verstehen und darauf entsprechend reagieren zu können, hat die internationale Modeplattform Zalando 2.500 Konsument*innen in England, Schweden, Italien, Frankreich und Deutschland zu dem Thema befragt. Der daraus resultierende Report „It Takes Two“ zeigt: Zwei Drittel der Kund*innen geben an, dass ihnen Transparenz beim Shoppen wichtig sei, aber nur 20 Prozent informieren sich aktiv darüber. Für mehr als 50 Prozent der Befragten sind ethische Arbeitsbedingungen relevant – trotzdem wissen darum weniger als die Hälfte Bescheid. Für den bewussteren Einkauf führt Zalando nun Filterfunktionen ein: Tierschutz, Wiederverwendung von Materialien, Wasserschutz und reduzierte Emissionen – danach können Interessierte ab sofort digital die Mode sortieren, um bewusster und nachhaltiger einzukaufen. „Unsere Rolle als Plattform besteht darin, uns selbst, unseren Marken und Kund*innen zu ermöglichen, nachhaltigere Entscheidungen zu treffen sowie zu gemeinschaftlichem Handeln und einem tiefgreifenden Wandel zu inspirieren", sagt Kate Heiny, Director Sustainability bei Zalando.

Aus alt mach neu

Reduce, reuse, recycle: Ein weiterer Trend den viele Labels aufgreifen, ist das Recyceln von Materialien. Die US-amerikanische Outdoormarke The North Face hat sich verpflichtet, bis 2025 ausschließlich mit recycelten oder nachgewachsenen Materialien zu produzieren. Dafür launcht das Label im Mai die Recommerce-Plattform „The North Face Renewed“. Kunden und Kundinnen können auf der Plattform aufgearbeitete Produkte günstig kaufen.

Ein weiterer Vorreiter des Recycelns ist der niederländische Jeansproduzent und Neonyt-Aussteller MUD Jeans. Für die Produktion ihrer Jeans nutzt der Hersteller ausschließlich Biobaumwolle und recycelte Bio-Baumwolle. Partnerships to sustain: Erst vor wenigen Wochen hat MUD Jeans die Partnerschaft mit dem schwedischen Möbelhaus Ikea bekanntgegeben. Die zwei ungleichen Unternehmen haben gemeinsam zwei neue Denim-Bezüge für eine Ikea-Couch kreiert – die zu 60 Prozent aus Biobaumwolle und zu 40 Prozent aus recycelten Jeans bestehen. Der Möbelhändler stellte bereits auf der Heimtextil 2020 in Frankfurt nachhaltige Lösungsansätze für Wohn- und Objekttextilien vor. In dem Panel „Die Zukunft der nächsten Generationen sichern – Nachhaltige Strategien für Hersteller und Handel“ diskutierten Branchenexpert*innen darüber, welchen Herausforderungen Produzent*innen bei einer nachhaltigen Transformation gegenüberstehen und welche Innovationen dabei helfen können. New Work, Sustainability und Future Materials: Für die nächste Ausgabe der Heimtextil im Januar 2022 hat der Trend Council bereits erste Trends bekanntgegeben. Nachhaltige Materialien und Herstellungsweisen werden auf zukünftigen Messen eine übergeordnete Rolle spielen.

Sustainability is the New Cool: Ob Recycling, ökologische Materialien oder weniger Wasserverbrauch – die Branche steht im Umbruch und wird sich ihrer Verantwortung bewusst. Mit der 2015 von den Vereinten Nationen verabschiedeten Agenda 2030 verpflichteten sich 193 Staaten weltweit zu mehr Nachhaltigkeit. 17 Sustainable Development Goals (SDGs) wurden beschlossen. Um sie zu erreichen, muss die Mode- und Textilbranche mitziehen. Die Messe Frankfurt arbeitet als einer der globalen Marktplätze für textile Produkte bereits seit 2019 mit dem United Nations Office for Partnerships (UNOP) zusammen, um ihren konkreten Beitrag dafür zu leisten. Das Texpertise Network, unter dem die Messe Frankfurt rund 60 international führende Textilveranstaltungen weltweit zusammenfasst, hat sich ganzheitlich zu den SDGs bekannt: Die 17 Ziele werden auf Veranstaltungen weltweit integriert. Für die kommende Frankfurt Fashion Week, müssen sich beispielsweise Ausstellende, Teilnehmende und Stakeholder bis 2023 an den SDGs orientieren. „Ein Wandel liegt in der Luft – das haben die letzten Jahre gezeigt. Auch schon vor Corona. Um ein neues System zu erschaffen, brauchen wir aber ein gesamtgesellschaftliches Umdenken – ein langfristiges und nachhaltiges Umdenken, ein ‚New Normal‘ also“, sagt Olaf Schmidt, Vice President Textiles & Textile Technologies der Messe Frankfurt. „Wie das geht? In dem alle in der Wertschöpfungskette wertgeschätzt und Ressourcen schonend behandelt werden“.

Sarah Malik

 

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Foto: Ross Findon

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