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Quelle: Nike
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Perspektiven: Schuh- und Lederindustrie

Jump into the future!

Futuristische Schuhe aus Pilzen. Innovative Recycling-Materialien aus Ozeanmüll oder Lederresten. Neuartige Laufsohlen aus einem auf Algen basierenden Schaumstoff. Während in der Textilbranche ökologische Standards eine immer wichtigere Rolle spielen, hinkte die Schuhindustrie lange hinterher. Doch vor allem die Vielzahl an nachhaltigen Materialentwicklungen einerseits und das starke Engagement von Arbeitsgruppen, Stiftungen und Initiativen für die Entwicklung von Chemikalienmanagementsystemen und Umweltstandards andererseits zeigt, dass ein Umdenken stattfindet. Eine Branche auf Aufholjagd.

Juni 2018

Unabdingbar mit dem Thema Schuhe verbunden, ist das Naturmaterial Leder. Schon seit Jahrtausenden fertigt der Mensch daraus Bekleidung. Kein Wunder: Es passt sich an, ist robust, atmungsaktiv und gleichzeitig wasserabweisend. Den positiven Eigenschaften steht jedoch die lange Liste von Problemen in der Lederproduktion gegenüber: Fehlende Tierrechte und Transparenz, mangelnder Umwelt- und Arbeitsschutz, Klimabelastung. Besonders die weltweit verbreitete Gerbung mit Chrom III, bei der das allergieauslösende und krebserregende Chrom VI entstehen kann, steht im Zentrum der Kritik. Sie betrifft auch den Endkonsumenten, denn durch Schweiß kann sich die Chemikalie lösen. Hinzu kommen umweltbelastende, chemische Beschichtungen, die das Material weich und geschmeidig, glänzend und wasserabweisend machen oder kleine Vernarbungen verdecken sollen. Die Arbeiter in Entwicklungs- und Schwellenländern, in denen laut UN-Statistiken rund 70% des Leders hergestellt werden, kommen oft völlig ungeschützt mit den giftigen, umweltverschmutzenden Chemikalien in Berührung.

Initiativen erarbeiten Lösungen

Dass die Schuhindustrie diese verheerenden Probleme nicht länger ignoriert, liegt insbesondere an dem gestiegenen Umweltbewusstsein der Konsumenten und der damit verbundenen Besorgnis um den eigenen Ruf der Hersteller und Händler. So konstatiert Michael Tackenberg, Cads -Vorsitzender und Vorstandsmitglied des Rosenheimer Schuhherstellers Gabor: „Die Aufmerksamkeit der kritischen Öffentlichkeit wird auch in den kommenden Jahren nicht geringer werden, das ist sicher.“ Ein Ziel von Handel und Industrie muss es also sein, die Umwelt besser zu schützen, um das Gros der Konsumenten nicht zu verlieren. Das haben auch Marken wie Buffalo und Gabor, Produzenten wie die Ara AG (Lloyd, Salamander) und vertikale Filialisten wie Reno oder Deichmann erkannt, die sich dem deutschen Verein Cads angeschlossen haben. In verschiedenen Arbeitsgruppen entwickeln sie unter anderem Standards für einen sicheren Umgang mit Prozesschemikalien oder widmen sich neuen Erkenntnissen zur Chrom VI Vermeidung. Der unter der Schirmherrschaft des Bundesverbandes der Schuhindustrie (HDS/L) beim Deutschen Schuhinstitut (DSI) in Offenbach angesiedelte Verein wurde 2007 als Initiative zur Vermeidung von Schadstoffen in Schuhen gegründet und anschließend um die Bereiche Umwelt und Soziales erweitert.

Mit dem Management von Chemikalien beschäftigen sich auch die niederländische Stiftung Zero Discharge of Hazardous Chemicals (ZDHC) und das Schweizer Unternehmen Bluesign Technologies, die kürzlich eine Kollaboration bekannt gegeben haben. Beide haben sie sich zum Ziel gesetzt, umwelt- und gesundheitsschädliche Stoffe in der gesamten Textilwertschöpfungskette zu eliminieren. In Kooperation mit Stahl, einem führenden Hersteller von Chemikalien für Lederprodukte und Hochleistungsbeschichtungen, erweiterte Bluesign Technologies im April dieses Jahres dafür den „Bluesign Bluefinder“ um Lederchemikalien. Dabei handelt es sich um eine webbasierte Suchmaschine für Texilhersteller zur Umsetzung des Input Stream Managements. Mit mehr als 10.000 chemischen Produkten ist sie die weltweit umfassendste Positivliste von chemischen Formulierungen. Die Stiftung ZDHC verfolgt dieselbe Mission mit umgekehrter Herangehensweise: Die Niederländer arbeiten mit einer Manufacturing Restricted Substances List (MRSL), einer Liste von gefährlichen chemischen Stoffen, die nicht vorsätzlich in Fertigungseinrichtungen eingesetzt werden dürfen. Die 2014 für die Textilindustrie veröffentlichte Liste wurde ein Jahr später um den Lederproduktionsbereich erweitert. Dem Programm haben sich über 90 Unternehmen angeschlossen, darunter Marken wie Adidas, H&M und Nike.

Innovative Recyclingmaterialien treffen auf vegane Lederalternativen

Neben der Vielzahl an Initiativen, Stiftungen und Arbeitsgruppen, die anwendungsorientierte Lösungen entwickeln, zeigt sich der Umbruch in der Schuhindustrie besonders an dem Tempo, mit dem Unternehmen nachhaltige Materialinnovation lancieren. Der US-amerikanische Sportartikelhersteller Nike schloss sich beispielsweise gerade der „Make Fashion Circular“-Initiative der Ellen MacArthur Foundation an, die darauf abzielt, durch Kollaboration und Innovation eine neue zirkuläre Textilwirtschaft zu schaffen. Bereits im Herbst vergangenen Jahres stellte der Sportswear-Gigant passend dazu „Flyleather“ vor, ein Material aus 50% Recycling-Leder. Dafür verwendet Nike Abfälle aus der Lederherstellung – laut dem Unternehmen werden generell rund 30 Prozent der Tierhäute weggeworfen – und verarbeitet sie zusammen mit Kunststofffasern zu einem neuen Material, das wie Kunstleder eingefärbt, zugeschnitten und mit gleichbleibender Qualität für ein breites Produktsortiment eingesetzt werden kann. Die Produktion des Materials ist ressourcenschonend, da für die Herstellung 80 bis 90 Prozent weniger Wasser verwendet wird als bei herkömmlichem Leder und der CO2-Fußabdruck um die Hälfte reduziert wird. „Unser Planet ist die größte Spielwiese für Sportler, somit ist die Entwicklung innovativer Produkte, die die Umwelt schonen, eine der schönsten Herausforderungen für uns“, begründet Hannah Jones, Chief Sustainability Officer und Vizepräsidentin für Innovationsförderung bei Nike, ihre Motivation.

Für überraschende Recycling-Ideen ist auch das Label Ecoalf bekannt. Mit „Ocean Waste Footwear“ bringt das spanische Unternehmen im kommenden September erstmals eine Schuh-Kollektion auf den Markt. Damit verbinden die Spanier gleich zwei innovative Projekte, die sich die Säuberung der Meere zum Ziel gesetzt haben: „Upcycling the Oceans“, bei dem Ecoalf PET-Flaschen aus dem Meer in hochwertiges Polyamidgarn verwandelt und zu robusten Geweben verarbeitet; sowie Laufsohlen aus einem auf Algen basierenden Schaumstoff, den das US-amerikanische Unternehmen Bloom entwickelte. Dabei wird das Problem des Algenwachsens und die damit zusammenhängenden Umweltprobleme angegangen.

Neben innovativen Recyclingmaterialien suchen immer mehr Unternehmen nach veganen Alternativen, um Leder vollständig zu ersetzen. Nachwachsende Rohstoffe wie Pilz, Mais, Holz, Obst-Reste, Kork oder Ananasblätter – die Möglichkeiten sind vielfältiger denn je. So macht das Münchner Schuhlabel Nat-2 beispielsweise mit Gummistiefeln aus Mais und Sneakern aus Holz oder Pilz auf sich aufmerksam. Letztere stammen von dem Berliner Unternehmen Zvnder, das aus Zunderschwamm, einem Baumpilz, ein veganes Leder herstellt. Eines der gelungensten Beispiele dafür, dass besonders die Entwicklung von pflanzlichen Materialien, die in ihren Eigenschaften und ihrer Verarbeitung Leder ähneln, ein immer wichtigeres Thema wird.

Rundum nachhaltig

Es gibt sie also bereits, die nachhaltigeren Alternativen. Doch warum hinkte die Schuhindustrie im Vergleich zur Textilbranche lange hinterher? Einer der Gründe liegt in den vielen Komponenten, aus denen ein Schuh besteht; kaum zu vergleichen mit einer Jeans oder einem T-Shirt. Dass es trotzdem möglich ist, einen rundum umweltschonend produzierten Schuh herzustellen, zeigen Unternehmen wie Melawear und Ekn Footwear. Bei letzterem treffen etwa Sohlen aus recycelten Sohlenresten und Schnürsenkel aus Bio-Baumwolle auf recycelte Garne und pflanzlich gegerbtes Kalbsleder. Die zeitgeistigen Schuhe werden in Portugal handgefertigt. Das Lüneburger Label Melawear zeigt mit den weltweit ersten GOTS- und gleichzeitig Fairtrade-zertifizierten Sneakern wie eine von unabhängiger Stelle zertifizierte soziale und umweltverträgliche Produktion entlang der gesamten Lieferkette aussehen kann. Die veganen Schuhe sind ausschließlich aus natürlichen Materialien wie Biobaumwolle aus Indien und Naturkautschuk aus Sri Lanka gefertigt. Darüber hinaus verbindet das Fair-Fashion-Label dank schlichtem Design, hoher Qualität und Cradle-to-Cradle-Prinzip weitere wichtige Nachhaltigkeitsfaktoren.

Digitale Transformation

Betrachtet man die Schuhbranche von einem anderen Blickwinkel, dann ist sie keinesfalls Nachzügler, sondern Vorreiter. Denn während in der Schuhindustrie ökologische Standards erst nach und nach eine zunehmend wichtigere Rolle spielen, nimmt die Branche in Bezug auf disruptive Technologien und automatisierte Fertigung die Rolle des Pioniers ein. Besonders der Sportartikelhersteller Adidas macht Tempo und zeigt etwa mit am Point of Sale personalisierten Laufschuhen und automatisierten Fabriken unter dem Namen „Speedfactory“ wie eine vollständige Neuordnung der bestehenden Produktionsketten aussehen kann. Bedenkt man, dass die automatisierten Prozesse eine lokale Fertigung nahe an den Kundenwünschen ermöglicht, wird deutlich, dass die neuen Fertigungsmethoden nicht nur wirtschaftliche Vorteile bieten, sondern auch die Umweltbilanz davon profitieren kann – durch Einsparung transportbedingter Emissionen, Verhinderung von Überproduktion und Ressourcenschonung dank passgenauen Herstellungstechniken sowie digitaler Produktentwicklung und einer nahtlosen Vernetzung der Produktionsschritte, die für einen optimalen Materialverbrauch sorgen.

Noch sind nachhaltig produzierte Schuhe im Massenmarkt kaum vertreten. Doch insbesondere das gestiegene Bewusstsein der Konsumenten für ökologische Standards hat dazu geführt, dass das Thema in der Mitte der Gesellschaft ankommt und eine breite Implementierung von Nachhaltigkeitsthemen in der Schuhindustrie nach sich zieht. In Verbindung mit neuen Technologien und den Chancen der Digitalisierung ergibt sich ein Spannungsfeld, von dem letztlich alle profitieren können – Unternehmen, Konsumenten und die Umwelt selbst.

Auf der kommenden FashionSustain-Konferenz präsentieren am 3. Juli 2018 im Kraftwerk Berlin internationale Keynote-Sprecher unter dem Motto „Jump into the future“ visionäre Ideen rund um das Schwerpunktthema Schuhe, Sneaker, Leder und Lederproduktion. Parallel dazu zeigen vom 3. bis 5. Juli 2018 auf dem Messe-Duo Ethical Fashion Show Berlin und Greenshowroom Aussteller wie Nat-2 oder Werner 1911 mit ihren nachhaltigen, trendorientierten und innovativen Kollektionen schon heute wie die Zukunft der Mode aussieht.

Weitere Informationen finden Sie unter:

https://fashionsustain.messefrankfurt.com/berlin/de.html

http://ethicalfashionshowberlin.com/

http://www.greenshowroom.com/

* Cads – Kooperation für abgesicherte definierte Standards bei den Schuh- und Lederwarenprodukten e.V.

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