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Revolution in Blau
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Perspektiven: Denim Industrie

Revolution in Blau

Von der Goldmine in den Mode-Olymp: Die Geschichte der Jeans ist eine Erfolgsgeschichte, seit Jahrzehnten ist sie ein Topseller der Textilindustrie. Doch Darling Denim hat auch seine Schattenseiten. Das bekommen vor allem Menschen und Umwelt in den Produktionsländern zu spüren. Denim-Pioniere suchen nach Alternativen von der Baumwoll-Faser bis zur 3D-Technologie.

Juni 2019

Von weißen Bermuda-Shorts aus Denim bis hin zu Oversized-Jeansjacken: Unter dem Titel „Destination Chanel“ präsentierte das französische Modehaus Anfang Mai die Cruise Collection im Grand Palais in Paris. Zahlreiche Looks waren Vorboten der Verjüngungskur, die Chanel unter der Leitung der neuen Kreativchefin Virginie Viard bevorsteht. Sie entschied sich für Denim, den Stoff der Jugend, der Rebellion, der Abenteuer – den Stoff des American Dreams.
 

Sweet dreams are made of this

Diesen Traum träumte auch der bayerische Händler Levi Strauss als er 1847 mit einigen Ballen Segeltuch nach Amerika auswanderte. Dort ließ er die Stoffe zu strapazierfähigen Latzhosen für Goldgräber verarbeiten und gründete kurz darauf eine Hosenmanufaktur. Indigo-Färbungen, Gürtelschlaufen und nahtverstärkende Kupfernieten – die Jeans war geboren. Zunächst schätzten sie insbesondere Arbeiter, Cowboys und Soldaten für ihre Robustheit, erst 1930 wurde aus der Arbeiter- eine Freizeithose. Der Zweite Weltkrieg brachte die Hose schließlich nach Europa.

Heute ist die Jeans ein Topseller der Modeindustrie, acht Paar hat jeder Deutsche im Durchschnitt in seinem Kleiderschrank [1]. Denim funktioniert über Geschlechts-, Alters- und Klassengrenzen hinweg und ist aufgrund des strapazierfähigen Baumwollgewebes eine beliebte Alltagsuniform. Um den Umsatz zu steigern, fluten regelmäßig neue Trends den Markt: Schnitte, Waschungen und Finishings variieren von Saison zu Saison. Stone Wash, Used-Look und Dark Denim sind das Ergebnis vieler Fertigungsschritte – die jedoch Spuren hinterlassen.
 

Die Kehrseite des Denim

Die Herstellung einer einzigen Jeans verbraucht bis zu 7.000 Liter Wasser [2]. Ein Grund dafür ist der wasserintensive Baumwollanbau in regenarmen Regionen. Zudem wird durch den Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden, die oftmals in das Grundwasser gelangen, das Gleichgewicht der Natur und damit auch die essentielle natürliche Lebensgrundlage der Menschen vor Ort gefährdet. In zahlreichen Färbeprozessen, Waschgängen und der anschließenden Ausrüstung der Stoffe erhält der Denim den gewünschten Look – dabei kommen Unmengen von Chemikalien zum Einsatz, die zum Teil gesundheitsschädigend sind. Häufig entstehen toxische Abwässer, die in den Produktionsländern nicht selten in die Umwelt entsorgt werden, da Kläranlagen fehlen. Nach Schätzungen der Weltbank sind zwischen 17 bis 20 Prozent der weltweiten Wasserverschmutzung auf das Färben und Veredeln von Textilien zurückzuführen.

Die Premium-Weberei Candiani Denim zeigt, dass es auch anders geht. Das italienische Unternehmen bezeichnet sich selbst als das „grünste Textilunternehmen in der blauen Welt“ und produziert bereits in der vierten Generation Jeansstoffe in der Nähe von Mailand. Alle Stoffe und Garne, die in der Produktion als Abfall entstehen, werden recycelt. 35 Prozent der verwendeten Baumwolle stammen von Partnern der Better Cotton Initiative. Zudem ist Candiani mit dem Global Organic Textile Standard (GOTS) und dem Global Recycle Standard zertifiziert. „Es ist kein Geheimnis, dass die Modebranche jedes Jahr eine unbeschreibliche Menge an Abfall erzeugt. Deshalb unterstützen wir jede Technologie, die versucht, Produktionsabfälle zu reduzieren”, sagt Simon Giuliani, Global Marketing Director der Weberei im Interview mit Texpertise Network . Giuliani wird während der Fashionsustain-Konferenz am 2. und 3. Juli 2019 Teil eines Panels zum Thema "The State of the Denim Industry — from Dirty Washes to Clean Waters" presented by Textile Exchange sein. Die Konferenz findet im Rahmen der Sustainable Fashion-Messe Neonyt im Berliner Kraftwerk statt. Teil der Runde sind unter anderen auch Vertreter von Nudie Jeans und Jeanologia. Gemeinsam beleuchten die Unternehmen die Frage, wie die Denim-Industrie in Zukunft komplette Produktionskreisläufe realisieren kann.

 

Buy less, make it last

Recycle, Repair, Re-Use – dass dies eine für die Zukunft entscheidende Entwicklung sein wird, erkannte Bert van Son bereits 2013 als er nach 30 Jahren in der Textilbranche die nachhaltige Denim-Brand Mud Jeans gründete. Bekannt wurde die niederländische Marke mit einem innovativen Leasingsystem: Durch den Verleih von fair produzierten Jeans will Mud Jeans die Überproduktion ausbremsen. Die Rohstoffe werden recycelt und auf diese Weise langfristig in einem Kreislauf gehalten. Mit diesem Konzept war Mud Jeans vor sechs Jahren ein Pionier. Mittlerweile haben auch große Retailer konsumentenorientierte Leasingmodelle entdeckt. Urban Outfitters startet diesen Sommer eine Miet-Plattform für Womenswear. Neben konzerneigenen Marken werden auch Styles von Denim-Brands wie Levi’s, Wrangler und Citizens of Humanity vermietet [3].

Wird die Jeans der Zukunft also geleast? Die Neonyt, der internationale Hub für Mode, Nachhaltigkeit und Innovation, stellt vom 2. bis 4. Juli 2019 mit einem vielfältigen Rahmenprogramm und einer kuratierten Modenschau die Zukunft der Denim-Produktion in den Fokus. Neben Mud Jeans sind unter anderem auch das bayerische Jeanslabel Feuervogl und die Hamburger Denim-Marke Goodsociety Aussteller der Fachmesse und präsentieren ihre fairen Jeans-Kollektionen für den Sommer 2020 im Kraftwerk Berlin. Die GOTS-Zertifizierung von Feuervogl stellt strikte Umweltrichtlinien vom Anbau über die Produktion bis hin zum Handel sicher. Goodsociety verzichtet bei allen Waschungen auf den Einsatz umweltbelastender Chemikalien und verwendet stattdessen alternative Verfahren wie Laserstrahler.
 

High Performance Jeans & Digital Denim

Möglich werden Innovationen wie umweltbewusste Waschverfahren durch neue Technologien. Der Jeansstoff-Spezialist Isko macht sich diese ebenfalls zunutze und hat sich auf nachhaltig produzierten High Performance-Denim spezialisiert, der über die klassischen Anwendungsbereiche hinaus im Sport- und Urban Outdoor-Bereich eingesetzt wird. Isko hat bereits über 100 Patente angemeldet: So geben unter anderem im Sportswear-Segment innovative Webtechnologien Denim ein Knitwear-Feeling. Jeans mit einer supersoften linken Warenseite bieten Komfort und stellen eine Alternative zu Polarfleece dar.

Der pakistanische Denim-Hersteller Soorty setzt hingegen auf Digitalisierung. In Kollaboration mit dem in Amsterdam ansässigen Digital Fashion House The Fabricant hat Soorty ein Verfahren entwickelt, das dank 3D-Animationssoftware und Bodyscanning-Technologie die Jeansproduktion ohne vorige Prototypenerstellung ermöglicht. Das spart Zeit, Abfall, Transportwege und Ressourcen.

Die weißen Bermuda-Shorts der Chanel Cruise Collection - das Ergebnis eines Bodyscannings? Noch nicht, doch der Luxuskonzern blickt in die Zukunft und arbeitet bereits mit dem innovativen Modeunternehmen Alvanon zusammen, das individuelle Passformen mithilfe von modernsten Scan-Technologien definiert. Die Möglichkeiten, umweltbewusste und zugleich modische Jeans mit dem Perfect Fit herzustellen, sind bereits immens. Nun ist es an der Industrie, dieses Potenzial zu nutzen.

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Weitere Informationen finden Sie unter:

www.neonyt.messefrankfurt.com/berlin/de.html

www.neonyt.messefrankfurt.com/berlin/en/programm-events/fashionsustain.html

[1] Vente Privee: Deutschlands große Jeans-Umfrage 2015

[2] Greenpeace: Wegwerfware Kleidung. Repräsentative Greenpeace-Umfrage zu Kaufverhalten, Tragedauer und der Entsorgung von Mode

[3] Textilwirtschaft: www.textilwirtschaft.de/business/news/nuuly-urban-outfitters-startet-womenswear-miet-plattform-215886

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