Überspringen
Reagenzgläser mit unterschiedlichen Inhaltsstoffen stehen nebeneinander
Zurück zur Übersicht

TEXCYCLE Nr. 1

Rohstoffe

Texcycle ist eine monatliche Artikelreihe rund um die textile Wertschöpfungskette, in der Materialien, Techniken und Systeme vorgestellt werden, mit deren Hilfe ein vollständiger Kreislauf geschaffen werden kann. Für den Anfang werfen wir einen Blick auf die Rohstoffe – von altbewährten Bastfasern bis hin zu Industrieabfällen –, die für die Herstellung nachhaltiger Textilien verwendet werden können.

Technisch gesehen kann jede Faser zu einem Stoff verwebt werden, aber die Mode- und Textilindustrie ist heute stark von einer begrenzten Rohstoffauswahl abhängig. Der kostengünstige und schnell produzierbare Polyester ist der am häufigsten für Kleidungsstücke verwendete Stoff – also tragen die meisten von uns zu jedem Zeitpunkt Fasern auf Erdölbasis. Was erfreulich für das Portemonnaie ist, muss aber nicht unbedingt erfreulich für den Planeten sein: Polyester benötigt in der Herstellung sehr viel Energie und Wasser, wird mit giftigen Farbstoffen gefärbt, verliert Mikrofasern und kann hunderte Jahre brauchen, um sich zu zersetzen.

Baumwolle steht an zweiter Stelle der beliebten Fasern, und obwohl sie natürlich und biologisch abbaubar ist, werden für die Produktion konventioneller, nicht biologisch angebauter Baumwolle sehr viel Wasser, Boden, Arbeitskraft und Pestizide benötigt. Baumwolle wird in warmen Ländern angebaut, in denen sauberes Wasser oft ohnehin knapp ist, und häufig erfolgt ihr Anbau in Monokulturen; die damit verbundenen Gefahren sind Boden- bzw. Nährstoffverarmung, vermehrter Einsatz von Düngemitteln, landwirtschaftliches Ablaufwasser sowie eine schnellere Ausbreitung von Schädlingen und Krankheiten.

Alte Fasern
Vor dem Aufkommen synthetischer Fasern im 20. Jahrhundert wurden alle Kleidungsstücke aus Naturfasern pflanzlicher oder tierischer Herkunft hergestellt, während die Baumwolle erst nach der industriellen Revolution zunehmende Verbreitung fand und im späten 18. Jahrhundert den Überseehandel ankurbelte. Davor nutzten die Europäer die lokal verfügbaren Rohstoffe Wolle, Pelz und Bastfasern wie Flachs, Hanf und Nessel. Diese aus den Stängeln der Pflanzen gewonnenen Cellulosefasern werden heute wieder zunehmend genutzt, da sie nicht nur stärker als Baumwolle sind, sondern für ihren Anbau auch weniger Energie und Ressourcen benötigt werden.

Cellulosefasern können aus den verschiedensten Pflanzen und Bäumen gewonnen werden, die überall auf der Erde im Überfluss wachsen. Seit Jahrhunderten werden auf den japanischen Ryukyu-Inseln Bashofu-Stoffe aus den dort heimischen Bananenbäumen und auf den Philippinen piña aus den langen Blättern der Ananaspflanzen hergestellt, und in Südostasien tragen hochrangige buddhistische Mönche Roben aus den Stängeln der Lotusblume. Heute bringt das soziale Unternehmen Samatoa Lotus Textiles aus Kambodscha diese historischen Öko-Luxus-Fasern wieder in Mode und erweckt damit gleichzeitig altüberlieferte Techniken zu neuem Leben und schafft Arbeitsplätze für die lokale Bevölkerung.

Innovativer Abfall
Während wir uns auf eine Kreislaufwirtschaft hinbewegen, entwickeln zukunftsorientierte Unternehmen und Start-ups Prozesse, durch die Verbraucher- und Industrieabfälle in neue Materialien verwandelt werden können. Beispielsweise spinnt Singtex Kaffeesatz zu S.Café-Garnen, Orange Fiber quetscht den letzten Tropfen aus den Nebenprodukten von Zitrussäften und Frumat, Piñatex und Vegea stellen veganes Leder aus Apfelpektin, Ananasblättern und Traubentrester her. Auch der Elektronikriese Sony ist mit seinem desodorierenden Kohlenstofftextil Triporous aus überschüssigen Reishülsen mit dabei.

Die isländische Gerberei Atlantic Leather hat sogar Fischhäuten – welche die Isländer in früheren Zeiten an den Füßen trugen – zu einem Revival verholfen, indem sie die Reste aus der Fischereiindustrie in farbenfrohes Luxusleder verwandeln, das bei den führenden Designermarken der Welt begehrt ist. Aufgrund ihrer kreuzweise angeordneten Fasern ist Fischhaut sogar robuster als gewöhnliches Rindsleder, und da sie ein Nebenprodukt ist, benötigt sie weniger Ressourcen oder hinterlässt einen geringeren ökologischen Fußabdruck als die Viehzucht.

Neue Fäden
Auf der ganzen Welt kommt der riesige und genügsame Kapokbaum natürlich vor, der weder Pestizide noch künstliche Bewässerung benötigt. Früher wurden seine flauschigen Samenkapseln nur als Füllmaterial verwendet, aber dank moderner Technologie können die kurzen Fasern nun, vermischt mit anderen, zu einem seidigen Stoff verarbeitet werden. Der Baum ist extrem widerstandsfähig, wächst schnell und hinterlässt keinen menschlichen Fußabdruck, wie der Kapok-Textilhersteller Flocus betont; wenn nur 30 % eines Kilogramms Baumwolle durch Kapokfasern ersetzt werden, können dadurch 3.000 Liter Wasser gespart werden!

Als einer der am schnellsten wachsenden Organismen der Erde sind Meeresalgen oder Makroalgen auch eine schnell erneuerbare wild vorkommende Ressource, die von Unternehmen wie SeaCellTM, AlgiKnit und AlgaeFabrics genutzt wird. Auch Myzel – das Wurzelgeflecht von Pilzen – hat großes Potenzial, da es schnell im Labor kultiviert und zu Kleidungsstücken und Accessoires verarbeitet werden kann, die nicht geschnitten oder genäht werden müssen – und nach der Verwendung zu 100 % kompostierbar sind. Informieren Sie sich bei MycoTEX, MycoWorks und Mogu über die neuesten Entwicklungen bei Pilztextilien.

Nächste Schritte
Die Nutzung verschiedenster Rohstoffe entlastet die Baumwoll- und Polyesterproduktion. Durch das Recyceln von Textilien und Abfällen wird der Müll auf Deponien reduziert und Ressourcen können länger genutzt werden – für die Herstellung von recyceltem Polyester werden nicht  nur weggeworfene PET-Flaschen neu genutzt, sie benötigt auch weniger Energie als viele Naturfasern, einschließlich Baumwolle. Rohstoffe, die in der Nähe des Verbrauchers angebaut, bezogen und verarbeitet werden, verkürzen die Transportwege, verbessern die CO2-Bilanz und erhöhen die Transparenz entlang der Lieferkette.

Egal, ob es sich um eine einheimische Pflanzenfaser, lokale Industrieabfälle oder eine Schafrasse handelt – die Nearshoring-Textilproduktion kann spannende Möglichkeiten für die Gemeinschaft bieten und gleichzeitig Umweltbelastungen sowohl auf lokaler als auch auf globaler Ebene reduzieren.

TEXCYCLE Nr. 2: Biofabrikation – Ein Blick auf im Labor gezüchtete Materialien, vom Stammzellen-Leder bis hin zu synthetischer Spinnenseide.

Weitere Informationen finden Sie unter:
https://samatoa.lotus-flower-fabric.com
http://www.singtex.com/en-global/technology/fabrics_info/scafe
http://orangefiber.it/en/
https://www.frumat-bolzano.it/
https://www.ananas-anam.com/
https://www.vegeacompany.com/en/project/vegeatextileproject/
https://www.sony.net/Products/triporous/technology.html
http://www.atlanticleather.is/
http://flocus.pro/
http://www.smartfiber.de/en/fibers/seacelltm/
https://www.algiknit.com/
http://www.tjeerdveenhoven.com/portfolio_page/algaefabrics/
https://neffa.nl/mycotex/
https://www.mycoworks.com/
https://www.mogu.bio/

Videos:
Samatoa Lotus Textiles
MycoWorks
Flocus
Frumat
Piãtex
Singtex

Tags

Die Messe Frankfurt verwendet Cookies, um Ihnen das bestmögliche Besuchserlebnis bieten zu können. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. Mehr Informationen