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Heimtextil 2020, opening press conference, l.t.r. Lucie Brigham, CHIEF OF OFFICE, United Nations Office for Partnerships, Olaf Schmidt, Detlef Braun, Thimo Schwenzfeier
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Perspektiven: Politik & Mode

Handschlag für die Zukunft

Bündnisse, Siegel, Pakte – die Modeindustrie schließt sich mit der Politik zusammen, um eine nachhaltigere Wertschöpfung von Textilien voranzutreiben. Die Messe Frankfurt mit über 55 Textilmessen weltweit will die Branche nun durch die Zusammenarbeit mit der UN für die Sustainable Development Goals (SDG’s) weiter sensibilisieren.

Januar 2020

Ein Fisch, ein Baum, ein Wasserglas. Auf den farbig leuchtenden Untergründen der 17 Karten aus Pappkarton heben sich weiße Symbole ab. „Worum geht es da?“, scheinen sich die vorbeilaufenden Besucher der Fachmesse für Sustainable Fashion Neonyt in Berlin zu fragen. Sie drehen die Köpfe als sich eine Gruppe junger Frauen mit den Farbkarten in der Hand fotografieren lässt. Unter ihnen ist Kerry Bannigan. Sie hält ein blaues Schild mit der Aufschrift „Partnerships for the Goals“ in die Kamera. Partnerschaften für eine nachhaltigere Zukunft sind ihre Expertise. 2018 initiierte sie die Conscious Fashion Campaign, die von den United Nations (UN) unterstützt wird. Seitdem setzt sie sich für die Umsetzung der 17 Sustainable Development Goals (SDG’s) in der Textilbranche ein. Im vergangenen Sommer präsentierte sie während der Neonyt die Agenda. Bannigan freute sich über das Engagement des Messeveranstalters: „Als führendes internationales Unternehmen unterstreicht die Messe Frankfurt mit ihrem Einsatz für die Sustainable Development Goals unseren Appell an die Mode- und Textilindustrie, wirtschaftlich, sozial und umweltfreundlich zu handeln und damit eine bessere Welt zu schaffen.“ Das war der Startschuss für eine weitreichende Zusammenarbeit.

Vereinte Kräfte

Ende vergangenen Jahres verkündete die Messe Frankfurt dann die globale Zusammenarbeit des Texpertise Network mit der Conscious Fashion Campaign und dem United Nations Office for Partnerships. Die 17 Entwicklungsziele der UN stehen dabei im Mittelpunkt und sollen auf den mehr als 50 Textilveranstaltungen des Messeveranstalters weltweit vorgestellt werden. Die Ziele sind Teil des ambitionierten Plans der United Nations, bis 2030 weltweit eine nachhaltige Entwicklung sicherzustellen. Es geht um mehr als das Klima – auch Frieden, Armutsbekämpfung und Bildung sind Teil der Agenda, die alle 193 Mitgliedsstaaten der UN im September 2015 unterschrieben haben. Entwicklungsländer ebenso wie Industrieländer, denn die globalen Herausforderungen können nur gemeinsam angegangen werden. Um das Ganze griffiger zu machen, formuliert die UN die Kernbotschaft des Zukunftsplans in fünf handlungsleitenden Prinzipien. Im Englischen ist von den "five P’s" die Rede: People, Planet, Prosperity, Peace und Partnership.

Für letzteres haben die United Nations bereits 1998 ein spezielles Büro gegründet. Lucie Brigham, Chief of Office des United Nations Office for Partnerships, ist überzeugt, dass es ohne branchenübergreifende Kollaborationen nicht geht: „Als Weltbürger sind wir alle dafür verantwortlich, die ökologischen und sozialen Herausforderungen zu bewältigen, die sich aus unseren Konsummustern ergeben. Messen, Einzelhändler und Medien spielen eine wichtige Rolle, um die Mode- und Textilindustrie zu mobilisieren, sodass diese Maßnahmen ergreift und zur Realisierung der Ziele für eine nachhaltige Entwicklung beiträgt.“ Zuletzt wurden die Sustainable Development Goals im Rahmen der Heimtextil in Frankfurt vom 7. bis 10. Januar 2020, dicht gefolgt von der Neonyt in Berlin vom 14. bis 16. Januar 2020, präsentiert.

Niemanden zurücklassen

Die Textilindustrie kann durch ihre komplexen Wertschöpfungsketten mit landwirtschaftlichen ebenso wie sozialen Aspekten aktiv den Wandel vorantreiben und eine bessere Zukunft für Mensch und Umwelt sicherstellen. Zehn Jahre bleiben der Branche, um konkrete Maßnahmen zu ergreifen. Große Schritte macht sie bisher nicht: Die Boston Consulting Group berechnete kürzlich in der Studie „Pulse of Fashion“, dass 2030 etwa 148 Millionen Tonnen an Textilmüll anfallen werden. Eine Steigerung um mehr als die Hälfte im Vergleich zum Jahr 2015. Die Überproduktion steigt permanent – trotz des wachsenden Bewusstseins für die Klimaproblematik. Und auch die Arbeitsbedingungen und die Missachtung von Sicherheitsstandards geraten immer wieder in die Schlagzeilen. Zuletzt kam es in der indischen Hauptstadt Neu-Delhi zu einem Brand in einer Taschen-Fabrik bei dem 43 Menschen getötet wurden.

„Leave no one behind“, so lautet der Slogan zur Agenda 2030 der UN. Dieses Ziel verfolgt auch Bundesentwicklungsminister Dr. Gerd Müller. 2014 gründete er als Reaktion auf die tödlichen Fabrikunfälle in Bangladesch und Pakistan das deutsche Textilbündnis. Unternehmen, Politik und Zivilgesellschaft – letztere in Form von Nichtregierungsorganisationen, Verbänden und anderen Zusammenschlüssen – verpflichten sich mit dem Eintritt in das Bündnis dazu, die Produktionsbedingungen der Textilindustrie zu verbessern. Die Roadmaps von 63 Unternehmen, sowie die Fortschrittsberichte, die die Umsetzung der gemeinsam festgelegten und selbstgesetzten Ziele dokumentieren, hat das Textilbündnis 2019 erstmals veröffentlicht. Der branchenintern viel diskutierte Grüne Knopf, ein staatliches Gütesiegel für Bekleidung, ist ein weiterer Schachzug von Dr. Gerd Müller. Im vergangenen Juli präsentierte Model und Siegel-Botschafterin Barbara Meier das Konzept auf der Neonyt in Berlin. Im September 2019 startete der Grüne Knopf mit 27 verifizierten Unternehmen.

Ein Pakt, ein Deal

Auch im Nachbarland Frankreich tut sich etwas. Der weltweit agierende Mode- und Accessoires-Konzern Kering initiierte im August 2019 den Fashion Pact. Die Anregung dazu kam vom Staatspräsident Emmanuel Macron persönlich. Francois-Henri Pinault, CEO von Kering, stellte die Koalition auf dem G7-Gipfel vor. Aktuell sind 56 Luxus-, Mode-, Sport- und Lifestyle-Marken sowie Zulieferer und Einzelhändler Teil des Pakts und treten damit für den Schutz des Klimas, der Artenvielfalt und der Weltmeere ein. Die Sportswear Brands Adidas, Nike und Puma verpflichteten sich ebenso wie das High Fashion Label Burberry, die Fast Fashion Ketten H&M und Inditex sowie die Vorreiter Brand Stella McCartney. Die Umstellung auf 100 Prozent erneuerbare Energien entlang der gesamten Lieferkette bis 2030, Klimaneutralität der Branche bis 2050 und der Verzicht auf Einweg-Kunststoffe für Verpackungen bis 2030 sind drei der Hauptziele, die in Zusammenarbeit mit und basierend auf den Erkenntnissen von Stiftungen, NGOs und politischen Institutionen realisiert werden sollen.

Was bisher freiwillig geschieht, könnte in Zukunft gesetzlich verpflichtend werden: Ende des vergangenen Jahres setzte die EU mit dem Green Deal der europäischen Textilindustrie ehrgeizige Ziele. Im Fokus steht das Abfallmanagement der Industrie, das in Richtung einer Kreislaufwirtschaft umgestaltet werden soll. Bis dahin ist es ein langer Weg - der Ellen MacArthur Foundation zufolge, wird zurzeit weniger als ein Prozent der Produktionsmaterialien recycelt. Neben der Reduktion von Materialabfällen werden auch neue Geschäftsmodelle wie beispielsweise Miet- und Tauschservice als mögliche Lösung im European Green Deal angeführt. Durch nachhaltige Innovationen und Investitionen soll Europa so zum Marktführer für klimafreundliche Produkte werden.

Wo anfangen?

Bündnisse, Siegel, Pakte – allesamt Mittel zum Zweck. Doch ist das offizielle Bekennen zu Zielen nicht immer gleichbedeutend mit Taten. Die Non-Profit Organisation Global Fashion Agenda veröffentlichte in ihrer CEO Agenda 2019, dass weltweit bisher nur etwa die Hälfte der Unternehmen der Modeindustrie einen Anlauf unternommen habe, um nachhaltigere Veränderungen in ihren Wertschöpfungsketten anzustoßen. Die ökonomischen Konsequenzen, nicht zu handeln, belaufen sich demnach bis zum Jahr 2030 auf rund 160 Milliarden Euro für die globale Wirtschaft – ganz abgesehen von den Auswirkungen auf Planet und Mensch.

Messen sind Dreh- und Angelpunkt der Branche. Hier kommen sie alle zusammen, die großen Akteure. Das bestätigt auch Kerry Bannigan im Interview für das Texpertise Network: „Nach einem Pilotjahr zeigt sich, dass wir durch die Ausrichtung auf die weltweit führenden Events der Modebranche eine hohe Zahl an Entscheidungsträgern der Modebranche erreichen können.“ Die Zusammenarbeit der Messe Frankfurt mit der Conscious Fashion Campaign und dem United Nations Office for Partnerships setzt also genau an der richtigen Stelle an, um das Bewusstsein von Modeunternehmen, Einkäufern und Einzelhandel zu schärfen.

Katharina Koch

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Weitere Informationen finden Sie unter:

Pressemitteilung: Texpertise Network der Messe Frankfurt verkündet globale Partnerschaft mit der Conscious Fashion Campaign und dem United Nations Office for Partnerships zu nachhaltigen Entwicklungszielen der UN

Pressemitteilung Texpertise: Gemeinsam für mehr Nachhaltigkeit in der Textilindustrie

www.neonyt.com/presse

www.facebook.com/Neonytberlin

www.instagram.com/neonyt.berlin

www.globalfashionagenda.com

www.ellenmacarthurfoundation.org/case-studies/an-open-access-circular-supply-chain-for-fashion

Headerbild: Heimtextil 2020, opening press conference, l.t.r. Lucie Brigham, CHIEF OF OFFICE, United Nations Office for Partnerships, Olaf Schmidt, Detlef Braun, Thimo Schwenzfeier

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