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Perspektiven: Klima & Corona

Modebranche: Bilanz fürs Klima

Corona hat die Welt verändert. Lockdowns und Ausgangsperren führten dazu, dass der globale CO2-Ausstoß in den vergangenen Monaten gesunken ist – auch in der Textil- & Bekleidungsindustrie. Kann die Branche ihre Klimaziele so vielleicht doch noch halten? Nein, so lautet das Ergebnis der Studie „Fashion on Climate“ von McKinsey & Company und Global Fashion Agenda. Und jetzt?

Oktober 2020

Vier Prozent, 2,7 Milliarden Tonnen, 1,5-Grad. Das sind die Klimakennzahlen der Modebranche. Vier Prozent aller weltweiten CO2-Emissionen im Jahr 2018 entfallen auf die Modebranche. Damit hat sie einen erheblichen Einfluss auf den Klimawandel. Vier Prozent entsprechen etwa 2,1 Milliarden Tonnen CO2-Äquivalent – mehr als Deutschland, Frankreich und Großbritannien im selben Jahr zusammen. Die Modebranche gilt nach der Ölindustrie als größter Umweltverschmutzer weltweit. Ohne weitere Maßnahmen wird der CO2-Ausstoß in der Modebranche weiter ansteigen, laut der Studie „Fashion on Climate“ von McKinsey & Company und Global Fashion Agenda bis 2030 auf 2,7 Milliarden Tonnen pro Jahr. Mehr als das Doppelte der Emissionen, die maximal ausgestoßen werden dürften, um die Erderwärmung und den Klimawandel zu stoppen. Denn um das 1,5-Grad-Ziel der UN im Pariser Abkommen bis 2030 zu erreichen, müssen die jährlichen Emissionen der Bekleidungs- und Schuhindustrie auf 1,1 Milliarden Tonnen reduziert werden.

Weniger Flugreisen, Logistik und Verkehr kamen zum Erliegen, heruntergefahrene Produktionen, geringere Konsumlust – die Corona-Krise hat positive Auswirkungen auf das Klima. Das schönt auch die Klimabilanz der Textil- und Bekleidungsbranche. Es ist aber nur ein kurzfristiger Effekt, um wirklich etwas zu bewegen, müssen gezielte und dauerhafte Maßnahmen her – das ist das Fazit der Studie. Die Modeindustrie reduziere ihren ökologischen Fußabdruck zu langsam; bei dem aktuellen Tempo werde das Klimaziel in der Branche nicht erreicht. „Es sind mutige Maßnahmen erforderlich, wenn die Modeindustrie den 1,5-Grad-Pfad erreichen will“, sagt Karl-Hendrik Magnus, Seniorpartner und Leiter der Apparel, Fashion & Luxury Group bei McKinsey in Deutschland. Dafür müsste die Branche ihre Emissionen um etwa 1,655 Tonnen CO2-Äquivalent reduziert.

Zeit für Veränderung

Aber wie? Auch darauf gibt die Studie Antworten. In vorgelagerten Arbeitsvorgängen, sogenannten Upstream Operations, der Textil- und Bekleidungsindustrie könnten bis zu 61 Prozent der Emissionen eingespart werden. Zum Beispiel durch die Reduktion des CO2-Ausstoßes bei der Materialproduktion und -verarbeitung oder die Verringerung von Produktions- und Herstellungsabfällen. Dafür setzt sich auch Faserhersteller Lenzing ein. Das Unternehmen brachte September 2020 unter der Marke TENCEL klimaneutrale Lyocell- und Modalfasern raus. Alle Emissionen, die bei der Produktion der Fasern anfallen, werden berechnet und kompensiert, um so den CO2-Fußabdruck in der Textilindustrie zu reduzieren.

Auf Seite der Modemarken bestehe ebenfalls Handlungsbedarf: Eine Veränderung der Materialzusammensetzung mit Rücksicht auf Recycling, nachhaltige Transportmittel oder umweltfreundlichere Verpackungen aus leichten, recycelten Materialien verringert die Emissionen um 18 Prozent. Der französische Luxuskonzern Kering hat aus dieser Motivation heraus in Zusammenarbeit mit dem französischen Präsidenten Macron 2019 den Fashion Pact ins Leben gerufen. In der Koalition haben sich eine Vielzahl von Marken, darunter Burberry, Chanel und Hermes, verpflichtet, in Kooperation mit ihren Lieferanten und Vertrieblern den Klimawandel zu stoppen, Biodiversität und Meere zu schützen und die gesamte Branche bis 2050 klimaneutral zu gestalten. Dafür hat Kering zum Beispiel in den Stores seit 2015 auf mehr Energieeffizienz gesetzt – und so 30 Prozent der Emissionen reduziert. Europaweit nutzt Kering bereits zu 77 Prozent erneuerbare Energien, in sieben Ländern sogar zu 100 Prozent.

Nicht zuletzt müssten auch die Konsumenten ihr Verhalten anpassen – sie könnten die Emissionen der Branche um 21 Prozent senken. Und zwar indem sie mehr auf nachhaltige Mode und Kleidung setzen, diese länger tragen und wiederverwenden, heißt es in der Studie. Ein zentraler Ansatz ist die Kreislaufwirtschaft. Onlinemarktplätzen wie Vestiaire Collective oder TheRealReal verkaufen Luxusmode aus zweiter Hand. Einen Anreiz, getragene Teile zu verkaufen geben Circularity Collabs. Auch Zalando erleichtert das klimafreundlichere Einkaufen mit der Kollektion „redeZIGN for Circularity“. Die Kapselkollektion gibt Konsumenten tiefere Einblicke über die Produktherstellung und -pflege. Und auch Vermietung, Wiederverkauf und Reparaturen sowie an die Kleidung angepasste Pflege, wie weniger Wasch- und Trockenvorgänge, dienen der Verlängerung des Produktlebenszyklus.

Der Vorteil: Die Ansätze sind nicht nur gut fürs Klima. „Viele der erforderlichen Maßnahmen lassen sich wirtschaftlich vorteilhaft umsetzen“, so Magnus. So können 90 Prozent der Maßnahmen mit Kosten von 50 US-Dollar je Tonne CO2-Äquivalent erreicht werden, mehr als die Hälfte der Maßnahmen könnte sogar industrieweit die Nettokosten senken.

Mode und Politik

Neben Herstellern, Händlern und Konsumenten spielen auch Messen beim Klimaschutz eine wichtige Rolle. Sie befinden sich im Zentrum der Modebranche, hier kommen alle beteiligten Akteure zusammen. Informieren, positiv Einfluss nehmen, Brancheninitiativen für den Umwelt- und Klimaschutz fördern, Akteure vernetzen und selbst mit gutem Beispiel voran gehen – so können sie zu einer klimafreundlicheren Entwicklung der Textil- und Bekleidungsindustrie beitragen. Ein bedeutender Schritt dafür: Im November 2019 hat das Texpertise Network der Messe Frankfurt die globale Zusammenarbeit mit der Conscious Fashion Campaign und dem United Nations Office for Partnerships verkündet. Im Fokus der Zusammenarbeit liegt die nachhaltige Entwicklung der Welt mithilfe der 17 Sustainable Development Goals (SDGs) bis 2030 – darunter der Schutz des Klimas. Einen großen Beitrag leistet in diesem Kontext die Neonyt, der globale Hub für Mode, Nachhaltigkeit und Innovation. Hier wurden die SGDs im Rahmen Conscious Fashion Campaign im Januar 2019 erstmals auf einer Messe des Texpertise Networks vorgestellt. In der Zusammenarbeit mit Unternehmen wie ClimatePartner versucht die Neonyt einen Mehrwert für das Klima zu schaffen. Trotz der erschwerten Bedingungen im Messejahr 2020 gab es außerdem auch international einige Fortschritte. Auf der Techtextil India im Januar, der digitalen Texworld USA im Juli und der Heimtextil Russia im September wurde die Kollaboration mit der UN thematisiert – und ein Zeichen für die Bedeutung von Nachhaltigkeit gesetzt.

Mehr als nur ein Modetrend

Die Corona-Pandemie hat die Welt vor viele Herausforderungen gestellt, doch genau daraus ergeben sich auch Chancen: „Die Zeit zum Handeln ist jetzt gekommen. Die Covid-19-Pandemie hat uns gezeigt, wie vernetzt wir sind und dass wir tatsächlich die Möglichkeit zum Wandel besitzen. Es hängt von der Fähigkeit der Modeindustrie ab zusammenzukommen, damit wir die Gelegenheit ergreifen und eine führende Rolle bei der Bekämpfung des Klimawandels spielen können“, sagt Eva Kruse, CEO der Global Fashion Agenda.

Der Umwelt zuliebe ist eine Neuausrichtung der Modebranche notwendig: neue Businessmodelle, Differenzierung von Umsatz- und Wertezuwachs, mehr Bewusstsein. Marken und Händler müssen enger mit den Partnern in ihrer Wertschöpfungskette kooperieren, Verbraucher umdenken und zirkuläre Businessmodelle wie Resale und Verleih zunehmen. Die Voraussetzungen dafür sind gut: Die aktuelle Studie „Sustainability“ der Fachzeitschrift TextilWirtschaft zeigt, dass alle Beteiligten daran interessiert sind, die Modewelt nachhaltiger zu machen. Mit diesem Potenzial kann die Corona-Krise in der Modebranche durch Einfallsreichtum und Kreativität zu einer klimafreundlicheren und über die Krise hinaus anhaltenden Veränderungen beitragen – und Sustainable Fashion zum new normal werden.

Alisa Keil

 

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Foto: Karina Tess

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