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Perspektiven: Globales Sourcing

Neue Wege der Beschaffung

Globalisierung, Digitalisierung und ein Shift der Wertvorstellungen verändern die globale Bekleidungsindustrie und damit die Art und Weise der Beschaffung. Neue Länder erschließen den Markt, aufstrebende Technologien revolutionieren Prozesse und der Schutz von Arbeiter*innen und der Umwelt werden immer zentraler. Ein Überblick über die neuen Wege im Sourcing.

August 2021

60 Millionen Angestellte, 17 Millionen Tonnen Textilien und 80 Milliarden Kleidungsstücke jährlich – das sind nur einige Kennzahlen, die die Bedeutung der globalen Bekleidungsindustrie verdeutlichen – einer Branche, die sich im Wandel befindet: Durch Globalisierung, Digitalisierung und das Auslaufen von Handelsbeschränkungen, sich verändernde Nachfrage und kurze Produktlebenszyklen erhöht sich der Konkurrenz- und Wettbewerbsdruck in der Industrie. Der Großteil der Textilproduktion hat sich schon lange in Entwicklungs- und Schwellenländer verlagert, die ihre Waren dann beispielsweise nach Europa oder in die USA exportieren. Die Folge davon sind oftmals komplexe und häufig undurchsichtige Lieferketten. An der weltweiten Spitze für Bekleidungsexporte befand sich 2019 laut der Welthandelsorganisation (WTO) China mit einem Exportvolumen von 150 Milliarden US-Dollar, gefolgt von Bangladesch mit einem Exportvolumen von 33 Milliarden US-Dollar und Vietnam mit einem Exportvolumen von knapp 31 Milliarden US-Dollar. In Europa liegt Italien mit einem Exportvolumen von 26 Milliarden US-Dollar knapp vor Deutschland mit 24 Milliarden US-Dollar. Zu den weltweit wichtigsten Importländern zählten 2019 der WTO zufolge die USA mit einem Importwert von 95 Milliarden USD, ebenso wie Deutschland mit 39 Milliarden US-Dollar und Japan mit knapp 30 Milliarden US-Dollar.

Neben der Verlässlichkeit hinsichtlich des Tempos, der Qualität und den möglichen Stückzahlen spielt selbstverständlich und nach wie vor der attraktive Preis eine entscheidende Rolle, wenn es um geografische Auftragsvergaben zur Beschaffung von Bekleidung und Textilien geht. Laut dem Beratungsunternehmen Accenture sind die Produktionskosten in Bangladesch zwischen 2005 und 2017 um fast die Hälfte gestiegen, in China um rund ein Drittel. Was daraus resultiert: Neue, preisattraktivere Länder können sich am globalen Sourcingmarkt positionieren. Immer mehr Einkäufer*innen wenden sich zum Beispiel dem Beschaffungspotenzial afrikanischer Länder mit aufstrebenden Textilindustrien zu, wie zum Beispiel Ghana, Kenia und Äthiopien. Schon länger etabliert haben sich die Märkte in Madagaskar, Mauritius und Marokko. Auch die räumliche Nähe zu den Beschaffungsländern gewinnt in Hinblick auf die schnellere Beschaffungsmöglichkeit und verlässlichere Logistikkette an Bedeutung. Laut Umfragewerten einer Studie der Unternehmensberatung McKinsey & Company aus dem Jahr 2018 glauben knapp 80 Prozent der Einkäufer*innen daran, dass Nearshoring, die Verlagerung betrieblicher Aktivitäten ins umliegende Ausland, im Kontext des Sourcing bis 2025 immer wichtiger wird – und dieser Wert wurde wohlgemerkt bereits vor dem Ausbruch der globalen Corona-Pandemie ermittelt und dürfte durch diese und die mit ihr einhergehende Sinnkrise in die Verlässlichkeit globaler Supply Chains eher angewachsen als gesunken sein. Für die USA prognostiziert McKinsey & Company neben den USA selbst Mexiko, Guatemala, Haiti, El Salvador und Honduras als die wichtigsten Beschaffungsmärkte im Nearshoring bis 2025, für europäisches Sourcing werden McKinsey zufolge die Türkei, Marokko, Großbritannien, Portugal, Mazedonien und Tunesien Zugewinne verbuchen können.

Für Mensch und Umwelt

Ein zusätzlicher Faktor, wenn es um zukünftige Wege transnationaler Beschaffung geht und gleichzeitig ein wichtiger Schritt für Menschenrechte: Am 21. Juni 2021 hat der Deutsche Bundestag das deutsche Lieferkettengesetz beschlossen. Ab 2030 müssen deutsche Unternehmen die Einhaltung von Menschenrechten entlang ihrer Lieferkette kontrollieren. Das neue Gesetz gibt eindeutige und umsetzbare Anforderungen für die unternehmerische Sorgfaltspflicht vor und schafft so Rechtssicherheit für Unternehmen und Betroffene. Im Fall von Verstößen drohen Sanktionen und darüber hinaus Imageschäden. Damit soll das Lieferkettengesetz einen erheblichen Beitrag zur Einhaltung grundlegender Menschenrechtsstandards wie zum Beispiel dem Verbot von Kinder- und Zwangsarbeit leisten. In Frankreich greift der Schutz der Lieferketten durch ein Gesetz schon seit 2017: Große Unternehmen mit 5.000 Beschäftigten einschließlich der französischen Tochter- und Enkelgesellschaften oder mit 10.000 Beschäftigten einschließlich aller Tochter- und Enkelgesellschaften weltweit sind hier dazu verpflichtet, Menschenrechtsrisiken in ihrer gesamten Lieferkette abzubilden und zu verhindern. Auch in Australien gibt es bereits seit dem 2019 den „Modern Slavery Act“. Das Ziel des Gesetzes ist es, die Transparenz im Lieferketten zu erhöhen und damit zur Eindämmung moderner Sklaverei beizutragen.

Ein weiterer, bewährter Ansatz, um den (Gesundheits-) Schutz der Arbeiter*innen generell und somit auch in der Textil- und Bekleidungsindustrie zu erhöhen und gleichzeitig negativen Umweltauswirkungen entgegenzuwirken, ist die REACH-Verordnung der Europäischen Union – streng, modern und detailliert: REACH gilt für alle chemischen Stoffe und Verbindungen und beruht auf dem Grundsatz, dass Hersteller, Importeure und nachgeschaltete Anwender die Verantwortung für die Chemikalien übernehmen, die bei der Produktion der durch sie importierten, hergestellten und in Verkehr gebrachten Waren eingesetzt wurden. Darüber hinaus definiert REACH strikte und einklagbare Grenzwerte zu bestimmten Chemikalien und schafft eine Bewertungsgrundlage zur potenziellen Gefährlichkeit von Chemikaliengruppen. So kann gleichzeitig der freie Verkehr von Chemikalien sowie Wettbewerbsfähigkeit und Innovation gefördert werden.

Vor Ort und digital, global und lokal

Outsourcing gilt gemeinhin als effizienteste Lösung, um Prozesse aus dem eigenen Unternehmen auszulagern, an günstige Produktionsstandorte zu geben und somit Kosten zu reduzieren. Was allerdings damit einhergeht: wenig bis keine Kontrolle, größere Abhängigkeiten von den Partnern und zudem immer häufiger nicht kalkulierbare wirtschaftliche und qualitative Herausforderungen. In Anbetracht dessen gibt es verschiedene Gründe, die dafür sprechen, auf interne Produktionsprozesse zu setzen: Durch diese sogenannte vertikale Integration wird das Ziel verfolgt, die Wertschöpfungs- und Lieferketten zu optimieren. Das bedeutet, dass Unternehmen vor- oder nachgelagerte Produktionsstufen internalisieren, die zuvor von externen Betrieben übernommen wurden. Die Vorteile davon sind vielversprechend: technische Komplementaritäten, die Vermeidung von Transaktionskosten, schnellere Reaktionsfähigkeit, bessere Qualität, einfachere Kommunikation sowie Koordination.Die konsequente Vertikalisierung der Lieferkette ist vor allem für Großkonzerne und deren Unternehmensstrukturen ein Weg, um die Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen. Kleinere Unternehmen sind nicht in der Lage, Produktionsschritte im gleichen Maß zusammenzuführen, sie können jedoch von Trends wie der Glokalisierung oder Digitalisierung profitieren und darüber Prozesse in ihrer Supply Chain integrieren.

Smart, effizient, nachhaltig: Technologischer Fortschritt treibt Veränderungen in der gesamten Welt voran – und damit auch in der Textil- und Modebranche. „Im Hinblick auf die neusten Entwicklungen haben wir verstanden: Wir müssen mehr tun. Wir müssen uns auf die Beziehung zwischen den Lieferketten, den Brands und den Retailern fokussieren. Daher haben wir ein PLM-System – Product Lifecycle Management-System – neu aufgesetzt, das eine kollaborative Entwicklung von Produkten ermöglicht. Diese daraus resultierende Plattform ist für alle potenziellem Businesspartnerinnen und -partner, Supplier, Designer und Retailer zugänglich. Der Grundgedanke dahinter ist der Support von kollaborativer Zusammenarbeit“, sagte Holger Max-Lang, President, Northern & Eastern Europe, Middle East bei Lectra im WWD Talk im Rahmen der Frankfurt Fashion Week.

Erfolgreiches und zeitgemäßes Sourcing lebt davon, auf schnelllebige Trends kurzfristig reagieren zu können, immer auf dem aktuellsten Stand zu sein und den Überblick zu behalten. Künstliche Intelligenz (KI) und Robotik können zukünftig dabei behilflich sein, Trendvorhersagen zu treffen und die Beschaffung dadurch zielgenau und einfacher zu machen. Digitale Tools und Datenbanken führen dazu, dass das Ganze auch komplett ohne Reisen funktioniert: B2B-Plattformen wie Foursource oder Sqetch bieten Benefits für alle Beteiligten. Textilanbieter und Bekleidungshersteller können Profile anlegen, über die sie auf direktem Weg Bestands- sowie Neukunden erreichen können. Die digitalen Anwendungen haben darüber hinaus das Potenzial, bis zu 80 Prozent der Samplingkosten zu reduzieren und helfen den Anbieter*innen, den Marktüberblick behalten. Auch auf Seiten der Einkäufer*innen birgt das digitale Sourcen Vorteile: Alle Lieferant*innen sind innerhalb eines Tools zu überblicken, Preise sind einfach vergleichbar, zudem besteht die Möglichkeit, eine digitale Materialbibliothek zu erschaffen, um die Produktentwicklung zu beschleunigen.

Alles in unserer Welt ist miteinander vernetzt – nicht zuletzt durch die Digitalisierung. Aber auch die Globalisierung und ihre lokalen bzw. regionalen Zusammenhänge schaffen Verbindungen: Glokalisierung bezeichnet die Verbindung und das Miteinander der Globalisierung und der damit verbundenen lokalen Auswirkungen und Zusammenhänge von Prozessen, denn weltweit ist alles, was passiert, von regional-lokaler sowie gleichzeitig global-überregionaler Bedeutung. Die Corona-Pandemie hat in den vergangenen eineinhalb Jahren deutlich gemacht, wie fragil lead-time-sensible Lieferketten sind und dass in vielen Bereichen des internationalen Sourcings noch Optimierungsbedarf herrscht. Die Herkunft von Produkten wird zu einem relevanten Verkaufsargument und Qualitätskriterium: Im Textil- und Bekleidungssektor führt der Megatrend der Glokalisierung zu kürzeren Lieferwegen, erhöhter Transparenz, synergetischer Zusammenarbeit – kurzum: zu mehr Nachhaltigkeit auf ökologischer, ökonomischer und sozialer Ebene und kann damit zu einer Verbesserung des gesamten Beschaffungs- und Herstellungsprozesses beitragen.

Die Branche unter einem Dach

Das Texpertise Network der Messe Frankfurt bildet in seinem Umfang die gesamte textile Wertschöpfungskette ab – von der Forschung und Entwicklung, über Garne und Stoffe, bis hin zu verschiedenen Textilien wie Bekleidung, Mode, Lohnfertigung, Heim- und Haustextilien, technische Textilien sowie Verarbeitung und Reinigungstechnologien. Mit über 50 internationalen Textilmessen, die sich über den gesamten Globus erstrecken, über 23.000 Aussteller*innen und mehr als 600.000 Besucher*innen im Jahr 2019 ist die Messe Frankfurt Marktführer im Bereich der Fachmessen in der Textilbranche. In den vier Sektionen Apparel Fabrics & Fashion, Interior & Contract Textiles, Technical Textiles & Textile Processing und Textile Care schafft das Texpertise Network den Grundstein für internationale Messeplätze und Sourcing.

Anknüpfend an die Struktur des Texpertise Networks beschreitet auch die erstmals im Juli 2021 veranstaltete Frankfurt Fashion Week neue Wege für die Textilbeschaffung: Als erste Fashion Week verfolgt sie den Ansatz, die textile Wertschöpfungskette komplett zu integrieren. In einem hybriden Konzept vereinigt das neue Fashion Week Ecosystem Tradeshows, Konferenzen, Showcases und Events und forciert damit das Ziel, die gesamte textile Lieferkette sichtbar und erlebbar zu machen. Das wird in Zukunft eine entscheidende Rolle spielen – wie auch Lukas Pünder, Founder von Retraced im Panel „Transparency. The Tech Solutions for New Supply and Value Chains“ auf der Konferenz Fashionsustain im Rahmen der Frankfurt Fashion Week im digitalen FFW STUDIO sagt: „Eine transparente Kommunikation der Wertschöpfungskette eines Produkts und dessen Auswirkungen muss zum Schlüssel des Einkaufserlebnisses der Konsumenten werden. Es ist nicht überraschend, dass als Resultat mehr und mehr Richtlinien erarbeitet werden, die sich mit Standards für und der Verpflichtung zu nachhaltiger Berichterstattung befassen. Es ist eine spannende Zeit. Der Druck auf Marken, transparenter und nachhaltiger zu werden, wird größer werden.”

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