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Ich innoviere, also bin ich

„Ich denke, also bin ich“, lautet der berühmte erste Grundsatz des Philosophen René Descartes. „Ich innoviere, also bin ich“ trifft es heute besser.

Februar 2018

Die vergangene Fashion Week- und Stoffmessensaison bringt ein überraschendes Fazit mit sich: Die Stimmung in der Textil- und Modebranche ist gut. Und das, obwohl der Sektor in den vergangenen Saisons aus unterschiedlichsten Richtungen unter Druck geraten ist. Seien es Naturfasern, die sich zunehmend Lebensmitteln gegenüber einem Wettbewerb um Anbauflächen ausgesetzt sehen; seien es politische Unsicherheiten und Compliance Risiken in Produktionsländern; seien es die Ausgaben der privaten Haushalte, die sich immer mehr hin zu basalen Lebenshaltungskosten und technischen Konsumgadgets sowie deren Folgekosten verschieben. Dass die Branche dennoch erwartungsfreudig in die Zukunft blickt, hat durchaus nachvollziehbare Gründe: Vielgestaltige Material- und Prozessinnovationen könnten der neue Hebel sein für die wachstumsorientierten Visionen der Textil- und Modebranche. Nachhaltigkeit, Transparenz, Digitalisierung, Automatisierung und Zirkularität sind einige der Schlüsselwörter, die dabei helfen, die mannigfachen Innovationen einzuordnen. Denn aktuell strömen so viele Produktneuheiten und Produktionsrevolutionen gleichzeitig auf den Markt, dass man leicht den Überblick verlieren kann.

Am Anfang war die Faser

Im Bereich der Faserforschung hat beispielsweise jüngst die H&M Foundation einen bahnbrechenden Durchbruch vermeldet. Nach vier Jahren Forschung ist es der Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Hong Kong Research Institute of Textiles and Apparel (HKRITA) gelungen, ein Recyclingverfahren für Polyester-Baumwoll-Mischgewebe zu entwickeln. Die Mischfasern können durch einen hydrothermalen Prozess zu neuen Fasern aufbereitet werden. Mit dem Textile-to-Textile-Recycling befasst sich auch Mistra Future Fashion. Ähnlich wie bei dem Projekt der H&M Foundation können aus Polycottonmischungen neue Viskosefilamente hergestellt werden. „Blend Re:wind“ heißt das neue Verfahren, das das schwedische Forschungskonsortium nach sechs Jahren Entwicklung im vergangenen November vorgestellt hat. Lenzings Beitrag zur Kreislaufwirtschaft nennt sich „Refibra“ – eine Faser, die aus Baumwollresten und Holz besteht. Refibra ist die erste Cellulose-Faser, die neben Holz als Rohstoff Recyclingmaterialien verwendet.

Die beiden letzteren Faserinnovationen wurden auf der von der Messe Frankfurt organisierten Konferenz FashionSustain vorgestellt, die am 17. Januar 2018 während der Berlin Fashion Week im Kraftwerk ihre erfolgreiche Premiere feierte. Das neue Konferenzformat bündelt Themen rund um verantwortungsbewusste Innovationen und Kooperationen als Treiber für die strategische Anwendung von Nachhaltigkeit und neuer Technologien in der Textil- und Modebranche. Mit FashionSustain als Inkubatorenplattform und dem Thinkathon als Kooperationsmodell ist es der Messe Frankfurt gelungen, prominente Keynote-Speaker und ein interessiertes Fachpublikum in einen multidisziplinären Dialog über die Zukunft der Modebranche zu bringen.

Gemeinsam mehr erreichen

Nur wer gemeinsam innoviert, innoviert richtig – so könnte man das neue und bislang branchenunübliche Credo übersetzen. Das alte Konzept der synergetischen Wertschöpfung wird dabei neu interpretiert und von allen Beteiligten um eine ganze Menge gegenseitiger Transparenz und Vertrauen angereichert. Das zeigte sich auch bei den Gesprächsrunden, die im Rahmen der Konferenz FashionSustain stattfanden. Durch Kooperationen entsteht eine völlig neue Dynamik. Die Resultate können sich durchaus sehen lassen: Die Outdoormarke Pyua teilte sich einen Keynote-Slot mit Freudenberg und berichteten von der engen Zusammenarbeit des Outdoor-Bekleidungsspezialisten mit dem internationalen Technologieunternehmen. Freudenberg entwickelte für Pyua die neuartige Wattierung „Fiberball Eco“ aus recycelten PET-Flaschen. Und Vaude präsentierte in Berlin die Green Shape Core Collection, die kooperativ mit den Vorstufenunternehmen Lenzing, Primaloft, Q-Milk und DSM konzipiert wurde und zwei Wochen später im Rahmen der ISPO mit gleich fünf ISPO Awards ausgezeichnet wurde.

Technik, die begeistert
Dabei ist FashionSustain – an einem Standort und in Kooperation mit der von der Premium Group organisierten Konferenz #Fashiontech – Ausdruck einer breiteren Strömung. Angewandte Innovation ist dabei der Ausdruck der Stunde: Denn immer mehr Unternehmen aus allen Wertschöpfungsschritten der Mode- und Textilbranche sind auf der Suche nach Inspiration, um entweder eigene Neuheiten zu erdenken oder den bereits marktreifen Fortschritt anderer Unternehmen individuell interpretiert einzusetzen.

So fand beispielsweise parallel zur Texworld Paris vom 11. bis 14. Februar 2018 zum sechsten Mal die Messe Avantex statt, die sich auf technische Innovationen, Digitalisierung und Interkonnektivität der Wertschöpfungskette spezialisiert hat und diese gebündelt präsentiert. Auch in Russland nutzen die Player technischer Innovationen, seien es Startups oder etablierte Marktplayer auf gemeinsamen Plattformen intelligent ihre Synergien. Vom 20. bis 23. März kooperiert die Techtextil Russia in Moskau mit dem Forum Fashion Futurum – zu dem Thema „Usage of smart textiles in fashion“ veranstalten die „Content-Partner“ eine Podiumsdiskussion.

Wie technisch-digitale Innovationen, wenn sie richtig eingesetzt werden, die Fashionindustrie und den Modehandel revolutionieren können, zeigt beispielsweise Adidas. High-Speed, High-Tech, Lokalisierung und Individualisieren verschmelzen bei der Speedfactory und den damit verbundenen Projekten. Datengetriebenes Design, radikal beschleunigte Produktion, open-source Co-Creation und hyperflexible lokale Herstellung – das ist die Zukunft, beschreibt das Sportartikelunternehmen aus Herzogenaurach den Prozess. Ein anderer Pioniere auf diesem Feld ist Google: Das Unternehmen hat nach mehrjähriger Produktentwicklungszeit unter dem Projektnamen Jaquard im vergangenen Herbst gemeinsam mit Levis eine Jeansjacke auf den Markt gebracht, deren Ärmel als Touchpad fungiert. Doch auch klassische Smart-Textile-Innovationstreiber zeigen stetig neue Konzepte.

New Craftsmanship
Die immer technischeren Entwicklungen sind nur eine Seite der Vielzahl an Innovationen, die andere sind solche, deren geistiger Ursprung vielmehr in einem Reduktionsgedanken zu finden ist. Die Ikone der Trendforschung, Li Edelkoort, erspürt fein den Puls der Zeit, wenn sie nun ankündigt, in New York einen Studiengang aus der Taufe heben zu wollen, der Silicon- und Hudson-Valley vereinigt. New Craftsmenship nennt man diese Richtung, die eine Vielzahl junger Kreativer eingeschlagen hat. Und insbesondere diejenigen unter ihnen, die ihre Rückbesinnung auf natürliche Produktionstechniken mit technischem Innovationsgeist kombinieren, finden derzeit viel Beachtung.

Studio Tjeerd Veenhoven beispielsweise: Das niederländische Designstudio richtet seinen Fokus für Produktdesign auf die Wertschöpfungskette. So etwa auf die Tulpe. Sind Tulpen erstmal verwelkt, haben die Blüten bislang keinen Wert mehr. Tjeerd Veenhoven hat einen Prozess entwickelt, durch den die Pigmente der Blütenblätter zum Färben verwendet werden können. Um nachhaltige Lieferketten und Rückbesinnung geht es auch Martin Brambley und Yolanda Leask, die Gründer der britischen Stoffagentur Doppelhaus. Sie haben mit „Cloudwool“ innovative Non-Wovens kreiert, die durch das Verfahren der Hydroverfilzung flexibler, leichter und besser zu drapieren sind als herkömmliche Wollvliesstoffe. Die Wolle wird zudem zu 100% aus europäischer und britischer Wolle hergestellt.   

Auch während der Weltleitmesse für Wohn- und Objekttextilien, Heimtextil zu Jahresbeginn in Frankfurt, fanden angewandte Innovationen gleich zweimal ein Zuhause: In den Trendarealen „Theme Park“ und „Interior.Architecture.Hospitality Expo“. „Bahia Denim“ von der Designerin Sophie Rowley ist eine preisgekührtes Material, das an Marmor erinnert. Als Ausgangsmaterial verwendet Rowley Denimabfälle, die mit Bioharzen ausgehärtet werden und so vielseitig eingesetzt werden – für Möbel genauso wie für Wandverkleidungen. Tamara Orjola wiederum verwendet Kiefernholz und –nadeln. Mit ausgeklügelten Techniken stellt sie daraus die sogenannte „Forest Wool“ her. Eine neue natürliche und umweltbewusste Faserentwicklung für Textilien, Möbel, Teppiche und vieles mehr. Mit dem bewussten Einsatz von Pflanzen befasst sich unter anderem auch das Architekturbüro Space Encounters. Für den in Amsterdam ansässigen Luxus-Kinderwagenhersteller Joolz mit hohem ideologisch-verantwortungsbewussten Anspruch hat das Architektenteam einen neuen Firmensitz kreiert. Um „Naturdefizite“ wieder auszugleichen, befinden sich in dem 1.600 qm großen Bürogebäude üppig bepflanzte Gewächshäuser. Meetings oder Mittagspausen im Grünen gehören bei Joolz jetzt zum Büroalltag.

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