Überspringen
big-data-texpertise-2
Zurück zur Übersicht

Perspektiven: KI revolutioniert das Modebusiness

Designed by Big Data

Künstliche Intelligenz und ihr Einsatz entlang der textilen Kette: von intelligenten Algorithmen, smarten Stoffen, Chatbots und Datenbank-basierten Designs. Trotz der Tatsache, dass die Künstliche Intelligenz (KI) noch in den Kinderschuhen steckt, ermöglicht die Technologie radikale Innovationen und erfindet das Modebusiness neu.

November 2018

Bekleidung entwerfen, fertigen, ausliefern, vermarkten und tragen – althergebrachte Prozesse werden heute durch innovative Technologien von Grund auf in Frage gestellt und neu definiert. Der Kraftstoff für diesen tiefgreifenden Wandel ist ‚Künstliche Intelligenz’ (KI). In Form leistungsstarker Algorithmen nutzt sie die Datenfülle, die uns im Zeitalter von Digitalisierung und ‚Big Data’ zur Verfügung steht und bietet Mensch und Mode bereits heute ein riesiges Spektrum neuer Anwendungsmöglichkeiten. „Wir beginnen erst zu ahnen, was sich aus künstlicher Intelligenz für Möglichkeiten der Automatisierung ergibt. (…) Der Algorithmus weiß in zehn Jahren besser Bescheid als unsere Kunden es selber tun – und sie werden ihm vertrauen“, sagt Mark Langer, CEO von Hugo Boss bei seinem Vortrag für den Club Hamburger Wirtschaftsjournalisten.

KI – Der Begriff
Künstliche Intelligenz ist ein Fachgebiet der Informatik, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, künstliche Computerprogramme „intelligent“ zu machen. Es gibt insgesamt drei Stufen künstlicher Intelligenz: ein KI-basiertes Programm erster Stufe gehorcht konkreten Vorgaben und setzt diese um; eine KI der zweiten Stufe ist in der Lage sukzessive dazuzulernen; während eine KI dritter Stufe fähig ist, sich Zusammenhänge autonom anzueignen, zu analysieren, zu argumentieren, konkrete Vorhersagen zu treffen und Handlungsempfehlungen zu geben. Gerade die neueste Generation sogenannter „deep learning“ Algorithmen ist in der Lage, Trends bereits im Frühstadium zu erkennen, – eine Fähigkeit, die die Zukunft der Modebranche entscheidend prägen wird. Was also sind konkrete Innovationen und Anwendungsbereiche künstlicher Intelligenz entlang der textilen Kette?

Designed by Big Data
Der „ AI clothing designer“ von Amazon ist aktuell wohl eines der eindrucksvollsten Best-Practice-Beispiele der zahlreichen anderen KI-basierten Programme des US-amerikanischen Unternehmens. Das intelligente Tool analysiert globale Bild-Datenbanken, um Mikrotrends frühzeitig aufzuspüren und die beliebtesten Outfits und Trends zu ermitteln. Daraus werden dann neue Designs für Mode und entsprechende Textilien generiert. Die Kleidungsstücke und Kollektionen können anschließend „on-demand”, also flexibel und auf Anfrage produziert werden. Das Programm kann in kürzester Zeit Aufträge für die Produktion diverser Kleidungsstücke (von Kleidern bis hin zu Anzügen) entgegennehmen und bei Bedarf Einzelaufträge bündeln und abwickeln.
Ein weiteres KI-gestütztes Programm, das Mode- und Textilunternehmen bei der Trendrecherche und beim Design völlig neue Möglichkeiten eröffnet, wird von IBM angeboten und nennt sich augenzwinkernd „Watson“. Ähnlich wie der AI clothing designer von Amazon kann Watson globale Bilddatenbanken auslesen und Vorhersagen treffen, welche die zentralen Farben, Silhouetten und Styles in der kommenden Saison sein werden. Dazu analysiert es Daten und Kommentare aus einer Vielzahl möglicher Quellen, beispielsweise Daten aus Social Media-Kanälen. Der Modedesigner Jason Grech hat Watson verwendet, um 500.000 Bilder von Instagram und aus Modearchiven zu analysieren. Auf Basis der stärksten Designtrends entwickelte er eine Kollektion von Couture-Kleidern.

Textile Gefühlswelten
Auch das New Yorker Modelabel Marchesa experimentierte mit dem KI-Programm Watson. Auf dem roten Teppich der Met Gala 2016 präsentierte das Model Karolina Kurkova Marchesas „Cognitive Dress powered by Watson“, – passend zum Motto der Gala „Manus x Machina: Fashion in an Age of Technology“. Das interaktive Abendkleid reagiert auf einzelne Twitter-Beiträge von Marchesa-Fans. Hierzu ordnet Watson jeden Twitter-Post bestimmten Emotionen und Charaktereigenschaften wie „Freude“, „Neugierde“ oder „Geduld“ zu, für die Marchesa vorab passende Farbtöne definierte. Mit jedem einzelnen Tweet verändern die im Kleid integrierten LEDs ihre Farben. Das smarte Abendkleid wird zur Bildfläche für die Worte und Stimmungen treuer Fans der Marke Marchesa.

Sourcing 4.0
Im Bereich der Stoffrecherche eröffnet die künstliche Intelligenz ganz neue Möglichkeiten für das Modebusiness und optimiert traditionelle Unternehmensprozesse. So hat das amerikanische IT-Unternehmen Centric Software eine KI-basiertes Product Lifecycle Management Tool entwickelt, das althergebrachte Abläufe beschleunigt und Produkte schneller an den Markt bringt. Das Programm basiert auf einer visuellen Suchmaschine, die Produktentwicklern und Designern bei der Suche und Beschaffung geeigneter Stoffe hilft. Mit dem KI-Tool lassen sich interessante Textilien scannen, in Sekundenschnelle mit dem firmeneigenen Materialfundus abgleichen oder passende Lieferanten aufspüren, die ein entsprechendes Design anbieten. Die schweizerische Lingerie-Marke Triumph beispielsweise nutzte das intelligente KI-Tool, um eine digitale Bibliothek mit Tausenden von Spitzenstoffen zu erstellen, um zukünftige Designprozesse zu beschleunigen.

Intelligente Stoffe
Ein anderer zentraler Einsatzbereich von künstlicher Intelligenz in der Mode- und Textilbranche sind intelligente Stoffe und Wearables wie Fitnessarmbänder und Smartwatches, die zum Beispiel den Puls messen und dokumentieren. Die Sportswear Marke Under Armour etwa bietet aktuell smarte Laufschuhe mit integrierten Sensoren an, die Daten zu Laufgeschwindigkeit, Distanz und der Anzahl der Schritte sammeln. Im Bereich smarter Kleidung wurden elektronische Komponenten bisher nachträglich und aufwendig in fertige Kleidungsstücke eingesetzt. Dadurch waren intelligente Kleidungsstücke meist wasserempfindlich und eher ungeeignet für eine kommerzielle, serielle Produktion.
Jüngere Textilinnovationen ermöglichen es jedoch heute, E-Fasern herzustellen, die bereits Drähte enthalten. Vergangenes Jahr präsentierten Levi’s und Google der Öffentlichkeit ihr smartes Kleidungsstück „Levi Commuter Trucker Jacket“. Die intelligente Jeansjacke besteht aus einem elektronischen Textil namens Jacquard von Google und ist bis zu zehn Mal waschbar. In den Ärmeln der Jacke sind Sensoren eingearbeitet, die auf Druck und Bewegung reagieren und eine elektronische Schnittstelle zum Smartphone bilden. Auf diese Weise lässt sich mit der Jacke zum Beispiel telefonieren, Musik hören oder navigieren.

Bereits ein Jahr zuvor entwickelte das Massachusetts Institute of Technology eine Faser, die neben Drähten noch weitere elektronische Komponenten, wie Hochleistungs-Chips, lichtempfindliche Sensoren und Leuchtdioden enthält. Die E-Faser kann wie eine Glasfaser Licht leiten und integrierte LEDs gezielt zum Leuchten bringen. Daraus lässt sich ein sensorisches Gewebe fertigen, das scheinbar endlose Einsatzmöglichkeiten bietet. Legt man einen Finger auf das fertige Textil, so kann es vitale Funktionen, beispielsweise den Puls, in Echtzeit erfassen. Dabei registrieren integrierte Sensoren kleinste Unterschiede im Lichteinfall, die durch die Druckschwankungen beim Pulsieren des Blutes entstehen. Darüber hinaus kann sich der smarte Stoff bei Bedarf erwärmen, abkühlen, oder als mobile Ladestation für ein Smartphone dienen, – eine Materialinnovation, die Zukunftsvisionen in greifbare Nähe rückt.

Auch im Bereich Heimtextilien spielt die künstliche Intelligenz zunehmend eine Rolle: Das Smart Pillow von Centa Star beispielsweise unterstützt Menschen, die unter Schlafproblemen leiden. Das Kissen misst mithilfe integrierter Sensoren einzelne Schlafphasen, Bewegungen des Schlafenden sowie Umgebungsgeräusche. Ein intelligentes Programm interpretiert die Ergebnisse und gibt über eine kostenlose App individuelle Tipps und Empfehlungen, um den eigenen Schlaf zu optimieren. Die sogenannte „Sleep Tracking Mat“ des französischen Elektronik-Herstellers Withings verspricht ebenfalls smartes Schlaftracking per Gesundheitsapp. Die intelligente Textilmatte wird auf die Matratze gelegt und erfasst zudem die Herzfrequenz sowie Schnarchphasen. Darüber hinaus bietet das KI-basierte Produkt technische Schnittstellen zu anderen elektronischen Geräten. So kann die Raumbeleuchtung beim Zubettgehen automatisch aus- oder die Zentralheizung beim Aufwachen angeschaltet werden. Beide Produkte sind hautnah auf der nächsten Heimtextil (8. bis 11. Januar 2019) in Frankfurt am Main zu erleben. Die internationale Fachmesse für Wohn- und Objekttextilien befasst sich kommenden Januar mit der „Zukunft des Schlafens“ und präsentiert unter anderem intelligente Textilien und KI-basierte Anwendungen.

Gerade im Modemarketing und in der Unternehmenskommunikation hat sich die künstliche Intelligenz in den vergangenen Jahren zunehmend etabliert.

Eloquente Algorithmen
Im Bereich der Kundenansprache erleichtern KI-basierte Programme, wie persönliche Sprachassistenten und Chatbots, die Interaktion mit Kunden. Sie sind in der Lage, autonom Konversationen zu führen und via Sprache oder in Schriftform Fragen zu beantworten. Neben bekannten Sprachassistenten wie Alexa von Amazon oder Siri von Apple kommen intelligente Algorithmen auch in der Modeindustrie gezielt zum Einsatz. So nutzen die britische Luxusmarke Burberry und Tommy Hilfiger Chatbots, um zu jeder Tages und Nachtzeit für ihre Kunden ansprechbar zu sein.

Disrupting Retail
Darüber hinaus setzt Tommy Hilfiger auf weitere KI-basierte Programme: Das firmeneigene KI-Tool #TOMMYNOW ermöglichte es der US-amerikanischen Modemarke seinen Produktionszyklus von ehemals achtzehn auf nunmehr sechs Monate zu minimieren und sein Unternehmen auf das viel beschriebene „see now, buy now“-Geschäftsmodell umzustellen. Überdies experimentiert die US-Modemarke aktiv mit der Augmented Reality (AR)-Technologie. AR-Tools wie smarte Brillen, Spiegel oder Smartphone Apps werden genutzt, um erweiterte Sinneswahrnehmungen zu erschaffen. Dadurch lässt sich die Wirklichkeit mit Bildern, Videos oder Spielen virtuell überlagern und neu entdecken. Bei der jüngsten Modenschau von Tommy Hilfiger in Shanghai konnten die Besucher neue Kollektionsteile direkt nach der Show mithilfe eines 3D-Avatars und eines AR-Spiegels virtuell anprobieren und bestellen. Die georderten Produkte wurden direkt zu den Kunden nach Hause geliefert. Neben Tommy Hilfiger arbeiten zahlreiche andere Modemarken wie Zara, Burberry und GAP mit AR-basierten Konzepten. Insbesondere am Point-of-Sale bietet die Technologie viele Möglichkeiten, die Interaktion mit der Zielgruppe auf spielerische Weise zu emotionalisieren und besondere Markenerlebnisse zu kreieren.

In einem Modebusiness, das sich immer mehr beschleunigt, sind intelligente Programme und smarte Prozesse der Schlüssel zum Erfolg. Sie erlauben es Unternehmen, frühzeitig und flexibel auf Veränderungen und Marktrends zu reagieren, eigene Zielgruppen besser zu verstehen und Produktionszyklen zu minimieren. Zeit, sich neue technische Sphären zu erschließen, das weite Experimentierfeld der KI zu erkunden und die Mode- und Textilbranche von morgen aktiv mitzugestalten.

Intelligente Materialinnovationen, robotergesteuerte Prozesse, AR-basierte Tools und Sourcing 4.0 – auf der kommenden Techtextil im Duo mit der Texprocess (14. – 17. Mai 2019) in Frankfurt am Main wird es ein breites Spektrum an Produkten und Anwendungen geben, bei denen KI bereits zum Einsatz kommt.

Photo Credits: Courtesy of the researchers

Tags

Die Messe Frankfurt verwendet Cookies, um Ihnen das bestmögliche Besuchserlebnis bieten zu können. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. Mehr Informationen