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Perspektiven: Digitalisierung & Nachhaltigkeit

Data Driven Sustainability

Was haben Artificial Intelligence und Blockchain mit Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft zu tun? Eine Menge: Die neuen Technologien der vierten industriellen Revolution stehen bereit, um die Modebranche umzukrempeln. Durch den gezielten Einsatz von Big Data ergeben sich Chancen, ressourcenschonender und intelligenter zu produzieren – genau das, was die Modebranche und die Welt jetzt brauchen. Auch die nächste Ausgabe der Fachmesse Neonyt von 14. bis 16. Januar 2020 greift mit dem Leitthema „Air“ in die Luft und zeigt wie Daten die Branche auf ein neues Level heben.

Oktober 2019

Kleidung im Wert von 40 Millionen US-Dollar stirbt jährlich als „Deadstock“ in den Lagerhallen der Modeindustrie.[1] Durch das Verbrennen von überproduzierter Kleidung kamen Großkonzerne wie Burberry und H&M im vergangenen Jahr in die Schlagzeilen. Auf der anderen Seite liegen allein in Deutschland circa zwei Milliarden ungetragene Shirts und Hosen in den Kleiderschränken der Konsumenten – und werden nach spätestens drei Jahren weggeworfen.[2] 16 Millionen Tonnen Textilien landeten im Jahr 2015 in den Abfällen US-amerikanischer Haushalte, schätzt die Environmental Protection Agency (EPA) – nur 15 Prozent wurden davon recycelt. Es gibt zu viel Kleidung, die nicht getragen wird und zu viel Müll, der nicht verwertet werden kann.

Die aktuelle Version der Studie „The Pulse of the Fashion Industry“, die die Global Fashion Agenda, Boston Consulting Group und die Sustainable Apparel Coalition jährlich veröffentlichen, verdeutlicht das Dilemma der Branche: Je mehr die Modeindustrie wächst, desto mehr schadet sie der Umwelt. Um das auszugleichen, muss sich etwas ändern. Die Studie zeigt auch, wo Antworten liegen: in der vierten industriellen Revolution. Moderne Informations- und Kommunikationstechniken verändern die Gesellschaft, Produktions- und Arbeitswelt. Durch die Digitalisierung ist es der Menschheit zum ersten Mal möglich, Informationen und Kommunikation zu demokratisieren. Der gezielte Einsatz von Massendaten (Big Data) kann dabei helfen, das Wirtschaftswachstum und den Umweltverbrauch voneinander zu entkoppeln. Bereits jetzt werden diese genutzt, um nachhaltiger zu designen und zu produzieren. Das Hilfsmittel des neuen Zeitalters: Artificial Intelligence (AI).

AI: alles intelligente Entscheidungen

„Hör auf zu raten, was du berechnen kannst“, sagt Arti Zeighami, Global Head of Advanced Analytics & AI bei H&M. Er spricht nicht von „Artificial Intelligence“, sondern „Amplified Intelligence“: Big Data kann Modeschaffenden dabei helfen, intelligentere Entscheidungen zu treffen. Dem schwedischen Modehändler stehen Informationen aus über 900 Transaktionen jährlich zur Verfügung. „Durch die Nutzung von Daten können wir sicherstellen, dass unsere Kunden das bekommen, was sie wollen“, sagt Christopher Wylie. Der 29-Jährige wurde als Whistleblower im Datenskandal Facebook – Cambridge Analytica bekannt. Jetzt arbeitet er mit H&M daran, dass die richtigen Produkte in richtiger Menge zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind. So soll das akute Problem der Überproduktion gelöst, weniger gelagert und transportiert werden. Mithilfe von AI konnte H&M nach eigenen Angaben seinen CO2-Ausstoß um zehn Prozent reduzieren.

Auch IBM und das DTech Lab des Fashion Institute of Technology (FIT) erforschten im vergangenen Jahr gemeinsam für Tommy Hilfiger die Frage, wie AI den Handel verändern kann. Im April dieses Jahres verkündeten sie eine erneute Zusammenarbeit im Bereich AI. Genaue Trendvorhersagen und tiefere Markteinblicke, verändertes Produktdesign und optimierte Lieferketten – Michael Ferraro, Director des DTech Labs, bestätigt die verbesserte Entscheidungsfindung von Design bis Verkauf: „Unzählige Datenmengen werden das Denken verändern und man wird sehen können, wie sich dies auf viele Dinge in der gesamten Wertschöpfungskette der Mode auswirkt“. In drei Jahren werden 80 Prozent aller Unternehmen mit intelligenter Automatisierung arbeiten – so eine Prognose des aktuellen IBM-Report „The coming AI revolution in retail and consumer products“.

Bringt man AI-Design mit zwei weiteren Technologien der vierten industriellen Revolution zusammen, kommt man der Utopie des perfekten Kleidungsstücks noch näher: Mit 3D-Scanning und virtueller Visualisierung des fertigen Produkts, können Transportwege gespart und Ressourcen geschont werden. Dass dies jetzt bereits Realität ist, zeigte die Leitmesse für die Bekleidungs- und textilverarbeitende Industrie Texprocess mit einer Digital Textile Micro Factory im vergangenen Mai. Und auch die Aussteller des Messeduos präsentierten unter der Überschrift „Impact 4.0“, wie zukunftsorientierte Digitalinnovationen schon heute unmittelbare und angewandte Realität in der Industrie werden können. So veranschaulichte der US-amerikanische Soft- und Hardwarekonzern Gerber Technology mit seinen Exponaten beispielhaft und praxisorientiert, wie die Digitalisierung Einzug in bestehende textile Wertschöpfungsprozesse finden und welche Effizienzsteigerungen und Umweltschonungspotentiale dabei gehoben werden können: So können moderne Schnittmusterscanner den Design-, Gradier- und Produktionsprozess nicht nur beschleunigen, sondern gleichzeitig auch Work-Flows globalisieren und ressourceneffizienter gestalten.

Circular ID: Unlocking the circular economy potential

Wie gelingt die Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Umweltverbrauch? Die Antwort ist bereits bekannt: Experten betiteln die Kreislaufwirtschaft als Schlüssellösung, um die von den Vereinten Nationen verabschiedete Agenda 2030 und die darin enthaltenen 17 Sustainable Development Goals (SDGs) zu erreichen. Die Thematik ist präsenter denn je: Google Cloud und SAP schrieben Anfang des Jahres den Wettbewerb „Circular Economy 2030“ aus und Nike brachte ein „Circular Design Workbook“ heraus. Und auch die European Apparel and Textile Confederation, die Federation of the European Sporting Goods Industry, die Global Fashion Agenda, die International Apparel Federation und die Sustainable Apparel Coalition haben ein „Manifesto on Circularity“ verfasst.

630 Milliarden US-Dollar – so viel könnte alleine in der Europäischen Union durch eine Umstrukturierung zur Kreislaufwirtschaft eingespart werden.[3] Warum wird das Konzept einer zirkulären Wirtschaft noch nicht umgesetzt? Mangelnde Qualität der Recyclingmaterialien, umfangreiche Recherche und Intransparenz sind es, die Hersteller abhalten. Doch die Lücke zwischen Konzept und Realität kann geschlossen werden – die Lösung: das Internet of Things (IoT). „Das Internet der Dinge gehört zu den leistungsfähigsten Grundlagentechnologien für die Kreislaufwirtschaft. Es ist auch eine der transformativsten Technologien für den Einzelhandel,” sagt Natasha Franck, Founder und CEO des Fashiontech Start-Ups EON. Die Connect Global Fashion Initiative von EON arbeitet mit Branchengrößen wie H&M Group, Target, PVH und Microsoft daran, Transparenz während des kompletten Produkt Lebenszyklus zu ermöglichen. Kleidungsstücke haben einen „digitalen Pass“, auf dem Informationen, die zur Wiederverwertung nötig sind, gespeichert werden. Ziel ist es, einen globalen Standard für die Identifizierung und das Management von Produkten im Sinne der Kreislaufwirtschaft zu schaffen. Ihre Lösung wird in der CircularID verstofflicht: der Begriff „Circular Connectivity“ und das Konzept der „End-to-End Visibility“ sind geboren.

RFID-Fäden und digitale Zwillinge: Die Branche arbeitet daran, die Kreislaufwirtschaft im großen Stil möglich zu machen. Mit zwei Herausforderungen haben sie dabei besonders zu kämpfen: Identifikation am Produktlebensende und isoliertes Datenmanagement. Pioniere präsentieren erste Lösungen: Auf der internationalen Leitmesse für Technische Textilien und Vliesstoffe, Techtextil, zeigte die Amann Gruppe im vergangenen Mai das „Smart Yarn“. Dieses Spezialgarn fungiert als RFID-Antenne und überträgt Daten an eine Software – die Informationen sind so im physischen Produkt eingebettet. Unternehmen wie EON, Lukso und Provenance arbeiten daran, dass Produkte einen digitalen Zwilling erhalten, der in die Blockchain eingefügt wird – Informationen von Herkunft und Echtheit bis Materialgehalt und Färbeverfahren werden in die Cloud geladen. „Wenn wir offene Infrastrukturen und eine Open-Source-Mentalität schaffen, haben wir einen guten Anfang“, sagte Marjorie Hernandenz, Founder und Ceo bei Lukso, im Panel „Responsible Digitalisation“ auf der Konferenz Fashionsustain im Juli dieses Jahres im Rahmen der Messe Neonyt, dem globalen Hub für Mode, Nachhaltigkeit und Innovation, in Berlin.

Mode wird zum Lieblingsstück – immer wieder

Es geht zu langsam – das Tempo der Nachhaltigkeitsfortschritte in der Modebranche hat laut „The Pulse of the Fashion Industry“ (2019) im vergangenen Jahr um ein Drittel nachgelassen. „Wir brauchen Modetechnologie, um diese nachhaltige Revolution tatsächlich voranzutreiben“, sagt Natasha Franck. Produktdaten standardisieren und Kommunikation zwischen allen Beteiligten ermöglichen: Das ist der Schlüssel zur Wiederverwendung von Ausgangsmaterialien und der Maximierung ihres wirtschaftlichen Wertes. „Wie alles in der Natur sollten Produkte in der Modebranche einen zirkulären Lebenszyklus haben. Indem man das Internet der Dinge und die digitale Identität nutzt, um Intelligenz, Kommunikation und Transparenz zu fördern, kann eine globale zirkuläre Zukunft erschlossen werden,” bestätigt Projektpartnerin Shelley Bransten, Corporate Vice President, Retail and Consumer Goods Industries, Microsoft Corp.

Rentabilität, Effizienz und Innovation fördern: Die Daten sind da, sie müssen nur richtig eingesetzt werden. Die Werkzeuge des neuen Zeitalters ermächtigen die Branche, Mode zu kreieren, die geliebt und genutzt wird. Intelligent designt und passgenau gefertigt, werden die Lebensphasen der Kleider und Shirts verlängert. Konsumenten werden zu Besitzern. Und auch wenn sich Trends ändern und neue Stücke geschaffen werden, muss die Modebranche keine kostbaren Ressourcen verschwenden – es ist ja bereits alles da.

[1] Jon Bird: „Fashion's Dirty Little Secret And How It's Coming Clean“ (2018), Forbes
[2] Greenpeace e.V.: „Wegwerfware Kleidung“ (2015)
[3] World Economic Forum „Towards the Circular Economy: Accelerating the scale-up across global supply chains“ (2014)

Lena M. Kaufmann

Fotocredit: Franki Chamaki

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Weitere Informationen finden Sie unter:

Branchennews: The Pulse of the Fashion Industry

https://neonyt.messefrankfurt.com/berlin/de.html

https://neonyt.messefrankfurt.com/berlin/de/programm-events/fashionsustain.html

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